Berlinale Blogger*innen 2024
Indische Filme im Programm der Berlinale

„The Fable” (Indien, USA 2024). Regie: Raam Reddy. Mit Manoj Bajpayee
„The Fable” (Indien, USA 2024). Regie: Raam Reddy. Mit Manoj Bajpayee | Foto (Detail): © Prspctvs Productions

Die drei indischen Spielfilme im Programm der Berlinale – The Fable, Kottukkaali und In the Belly of a Tiger – werden nach ihrer Reise zu internationalen Festivals in diesem Jahr auch auf den Kinoleinwänden in ihrer Heimat zu sehen sein. In drei Kurzrezensionen vermitteln wir Filmfans einen Eindruck davon, was sie in diesen Filmen erwartet.

Von Prathap Nair

The Fable

Szene aus „The Fable”, Regie: Raam Reddy

Szene aus „The Fable”, Regie: Raam Reddy | Foto (Detail): © Prspctvs Productions

Mit skurrilen Mitteln und mit Hilfe von mystischen Bildern widmet sich The Fable solchen Themen, die einen genaueren Blick erfordern. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Indien nach dem Ende der Kolonialzeit entwickelte – haben sich die Machtverhältnisse zugunsten der so genannten indigenen Bevölkerung entwickelt oder entpuppten sich reiche Inder*innen als neue Machthaber? Die fantasievolle Geschichte lebt von Regisseur Raam Reddys ganz besonderer Form des Storytellings, in der bekannte Schauspieler*innen die sorgfältig herausgearbeiteten Figuren zum Leben erwecken.

Zunächst scheint der Film die Geschichte einer normalen Familie zu erzählen, die hoch oben in den Bergen Nordindiens Obstplantagen besitzt. Doch schon bald zeigt sich, dass der Herr des Hauses einem ungewöhnlichen Hobby nachgeht, für das er Adlerfedern und Aerodynamik benötigt. Als er auf seinem Gelände einen verbrannten Apfelbaum entdeckt, nimmt die Geschichte einen immer tragischeren Verlauf. Aus einem verbrannten Baum werden mehrere verbrannte Bäume, und kurz darauf geht eine ganze Plantage in Flammen auf. Wer steckt dahinter? Sind es die Dorfbewohner*innen oder die Nomad*innen, die mit ihren Viehherden in der Region umherziehen? Auf der Suche nach den Schuldigen fördert der Protagonist mehr Ungewissheiten als Antworten zutage.

Der Film stellt unbequeme Fragen nach der nativistischen Handlungsfähigkeit in postkolonialen Gesellschaften und untermalt diese mit mythologischen Elementen. Zudem hält er mit kleinen unaufgelösten Hinweisen einige Überraschungen bereit, die das Publikum noch lange nach dem Kinobesuch beschäftigen. Mit The Fable ermuntert  Reddy seine Zuschauer*innen, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und die kleinen Leerstellen seiner Geschichte mit eigenen Einfällen zu füllen.

Kottukkaali

 „Kottukkaali” (Indien 2024), Regie: Vinothraj PS, mit Anna Ben

„Kottukkaali” (Indien 2024), Regie: Vinothraj PS, mit Anna Ben | Foto (Detail): © Sivakarthikeyan Productions

 

Kottukkaali erzählt die Geschichte einer ganz besonderen Reise. Ein Familientross schleppt die in tiefes Schweigen verfallene Schwiegertochter zu einem Seher, um sie heilen zu lassen. Denn sie liebt einen anderen als ihren Ehemann, und ihr Schweigen ist eine Form des Protests. Doch die Familie ist sich sicher: Die Schwiegertochter ist von Dämonen besessen. Regisseur Vinothraj will der Welt nach eigenen Angaben von Ritualen erzählen, die im ländlichen Tamil Nadu noch immer gang und gäbe sind. Sie beruhen auf einem tiefen Aberglauben, der Frauen ihrer Handlungsfähigkeit beraubt.

Der Film zeigt in schonungslosen Bildern, wie die indische Gesellschaft mit Frauen umgeht, die sich nicht fügen wollen. Ausschließlich in Echtzeit gedreht und ohne Soundtrack, berichtet er unverblümt vom Leben im ländlichen Tamil Nadu und zeichnet das unvergessliche Porträt einer Familie im Ausnahmezustand und von Männern in verzweifelter Wut.

In Kottukkaali macht Regisseur Vinothraj das Publikum mit seiner Form der Darstellung von Misogynie zu Mittäter*innen. Die Tatsache, dass die Stimme der Vernunft in seinem Film keinerlei Raum erhält, hinterlässt bei seinen Zuschauer*innen ein Gefühl des Unbehagens und – ähnlich wie bei den Figuren des Films – der zunehmenden Wut. Gleichzeitig schafft der Film ein Bewusstsein dafür, dass es trotz aller Fortschritte in der Welt noch immer Orte gibt, die davon so gut wie unberührt sind.

In the Belly of a Tiger

Szene aus „In the Belly of a Tiger”. Regie: Siddartha Jatla

Szene aus „In the Belly of a Tiger”. Regie: Siddartha Jatla | Foto (Detail): © Jeevi Films

Siddhartha Jatla inszeniert in seinem zweiten Spielfilm In the Belly of a Tiger mit kunstvollen Bildern und einfühlsamem Blick ein leises Drama im nordindischen Dschungel. In einem Dorf am Rande dieses Dschungels leben Menschen im Spannungsfeld zwischen erdrückender Armut und massiver Arbeitslosigkeit und werden mit existenziellen Fragen von Leben und Tod konfrontiert. Aufgrund fehlender Einkommensquellen sehen sie sich zu extremen Maßnahmen gezwungen. So tarnen ältere Dorfbewohner ihren Suizid als Tötung durch einen Tiger, damit ihre Familien eine Entschädigung von der Regierung erhalten.

Der Film stellt eine einfach, aber auch schmerzliche Frage: Ist das Leben eines Tieres mehr wert als das eines Menschen? Die Inspiration für seinen Film erhielt Jatla nach eigenen Angaben von einem Artikel, den er vor vielen Jahren über derartige Ereignisse gelesen hatte. Anschließend verbrachte er die sechs Jahre der Produktion vor allem mit Recherchearbeiten in dem Dorf, das zum Schauplatz seines Films wurde. Er engagierte außerdem Menschen aus dem Dorf als Laiendarsteller*innen. Ihre Auftritte in den einzelnen Szenen lassen den Film trotz seiner deutlichen Anleihen beim magischen Realismus realitätsnah wirken.

An der Produktion von In the Belly of a Tiger waren mehrere Länder beteiligt. Jatlas Schauspieler*innen berichten, dass sie während der Dreharbeiten eine starke Verbindung zu ihren Figuren entwickelt haben. So enstand ein Film, der in intensiven Bildern die Nöte der Menschen am Rande der Wälder einfängt – und zwar gänzlich ohne Nabelschau, obwohl er sich mit Themen wie Armut auseinandersetzt.

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