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Rosinenpicker
Eine Landjugend

Matthias Matschkes Debütroman handelt vordergründig vom Erwachsenwerden in der westdeutschen Provinz in den 1980er-Jahren. Aber viel mehr noch wird die universellere Geschichte erzählt, wie es ist, den eigenen Platz in der Welt zu suchen.

Von Hendrik Nolde

Matschke: Falschgeld © Hoffmann und Campe Wer sich „wie Falschgeld vorkommt“ ist redensartlich desorientiert und wähnt sich fehl am Platz. Dieses Gefühl plagt auch den Protagonisten von Matthias Matschkes Erstlingsroman Falschgeld, lange bevor dieser mit einem gefälschten Tausendmarkschein in Berührung kommt. Ob auf der Kirchenbank der Dorfkirche, in der sein eigener Vater predigt, oder in den wohlhabenden Kreisen seiner ersten Jugendfreundin – nirgendwo scheint er sich gänzlich einfügen zu können.

Der Name des Ich-Erzählers ist der gleiche wie der des Autors. „Ich bin Matthias Matschke“ – diese mantraartig wiederholte Formel zieht sich als Leitmotiv durch den Roman und legt damit immer wieder autobiografische Hintergründe nahe. Überschneidungen zwischen den Lebensgeschichten von literarischer Figur und ihrem Erschaffer sind durchaus vorhanden. Beide wachsen nahe Darmstadt und damit im ländlichen Raum Südhessens auf und durchleben in den 1980er-Jahren ihre Jugend. Viel spannender ist jedoch die Frage nach dem Grund des fast schon zwanghaften Beharrens auf dem eigenen Namen. Es fungiert als Selbstvergewisserung, als Routine, die Halt gibt, während sich die Welt im Großen wie im Kleinen scheinbar unaufhaltsam verändert und die Kontrolle über das eigene Leben zu entgleiten droht.

Es gibt kein Außen mehr

Identitätskonflikte sind in der (fiktionalen) Familie Matschke keinesfalls nur eine Frage des Erwachsenwerdens, sondern ein generationenübergreifendes Phänomen. Matthias‘ Vater hat auf der Flucht zwei seiner Vornamen verloren. Irgendwo zwischen Schlesien und dem Odenwald wandelte er sich vom katholischen Ministranten zum evangelischen Pfarrer. Sein Onkel sprengt bereits aufgrund seiner offenen Homosexualität die Bahnen der ansonsten streng normierten Lebensentwürfe seiner Mitmenschen und rettet sich in eine Künstlerexistenz. Kann seine psychische Erkrankung zunächst noch als „Kopfschmerz“ abgetan werden, droht spätestens nach seinem Freitod, die Fassade des heilen Landlebens endgültig zu bröckeln.

Mit subtiler Leichtigkeit werden in Falschgeld aus der jugendlichen Perspektive die Inkongruenzen des kleinbürgerlichen Westdeutschlands kurz vor der Wende beschrieben, ohne diese ins Lächerliche zu ziehen. Matthias‘ Mutter verdient ihr Geld beim Fernmeldeamt in Dieburg, aber „hat sich dafür entschieden, gegen Computer zu sein“, weil mit diesen die Außenwelt in das traute Heim einzudringen droht. Dass der Sohn derweil regelmäßig bei einem Freund an dessen Commodore 64 einen Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion im olympischen Videospiel Summer Games austrägt, verdeutlicht, dass die Weltgeschichte längst im Dorf angekommen ist.

Sukzessive zerbricht die vermeintliche Trennung von Innen und Außen, Weltgeschehen und Privatheit, die Matthias‘ Eltern krampfhaft aufrechterhalten zu versuchen. Im Geiste des klassischen Bildungsromans ist sein Erwachsenwerden auch ein Prozess der gesellschaftspolitischen Sozialisation. Nicht zufällig fällt Matthias‘ Emanzipation vom beengenden Elternhaus mit dem Mauerfall und dem damit verbundenen gesamtdeutschen Freiheitsversprechen zusammen.

Im Zweifel für den Zweifel

Matthias Matschke ist es mit seinem Debütroman gelungen, eine sprachlich feinsinnige Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, die sich geschickt den Fallstricken dieses häufig klischeebeladenen Genres entzieht. Die Konflikte, mit denen sich sein jugendlicher Anti-Held konfrontiert sieht, sind persönlich und pointiert erzählt, verlieren dadurch jedoch nicht an Universalität. Der Autor nimmt das adoleszente Ringen seines Protagonisten um den eigenen Platz in der Welt ernst, ohne diesen als naiven Heranwachsenden bloßzustellen. Vor allem jedoch lässt der Roman viele seiner Konfliktlinien in der Schwebe und ist nicht um erzwungene Versöhnlichkeit bemüht.

Widersprüche auszuhalten: Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die Matthias aus seinem dysfunktionalen Elternhaus mit auf den Weg bekommt. Die Eltern, denen nichts wichtiger war als die Integrität der Privatheit im Eigenheim, hatten sich hinter dessen verschlossenen Türen kaum etwas Nettes zu sagen. Ihre schönsten Stunden erlebt die Familie hingegen auf der Besucherterrasse des Frankfurter Flughafens. Bei sonntäglichen Ausflügen sitzen sie dort schweigend inmitten dieses maximal öffentlichen Ortes, beobachten die Flugzeuge und „jeder von uns träumt sich dahin, wo sie hinfliegen und herkommen“. Fast schon folgerichtig ist es bei so viel anerzogener innerer Widersprüchlichkeit, dass es Matthias schließlich nach Berlin zieht, um – wie der Autor selbst – Schauspieler zu werden. Noch wenige Monate zuvor war er schließlich trotz aller Selbstzweifel von einer Erkenntnis überzeugt gewesen: „Ich weiß noch nicht, was ich jemals sein will, aber so sehe ich mich am wenigsten, als Schauspieler.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Matthias Matschke: Falschgeld. Roman.
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2022. 256 S.
ISBN: 978-3-455-01463-1
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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