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Auf Augenhöhe
Wie sich der Mittelmeerraum um seine Artenvielfalt kümmert

Ein Junge läuft hinter einer Herde Ziegen hinterher.
Die Yolda-Initiative setzt sich unter anderem für ein vertrauensvolles Miteinander mit nomadischen Gruppen in der Mittelmeerregion ein. | Foto (Detail): © Cem Türkel

Wie wir uns in den Städten ernähren, hängt in hohem Maße davon ab, was in ländlichen Gebieten produziert wird. Aus diesem Grund setzt sich im Mittelmeerraum eine Koalition von Organisationen für den Schutz der Artenvielfalt ein, indem sie den Stellenwert der traditionellen Gemeinschaften vor Ort stärkt.

Von Jonaya de Castro und Laura Sobral

Der Inspirador ist ein Projekt mit dem Ziel, nachhaltige Städte neu zu denken, indem es inspirierende Beispiele aus mehr als 32 Orten auf der gesamten Welt identifizierte und präsentierte. Die Forschung systematisiert die Fälle und Ideen in verschiedene Kategorien, gekennzeichnet durch Hashtags.

#entwicklung_neu_definieren
Die Tage des Entwicklungsbegriffs, wie er in den letzten Jahrzehnten verwendet wurde, sind gezählt und die damit verbundenen Werte werden neu überdacht. Diese Überlegungen werden sowohl durch die Technik als auch durch die Klimakrise vorangetrieben. Einige Städte haben die Dringlichkeit einer Neudefinition der Horizonte der Stadtentwicklung erkannt und haben daher ihren Kurs angepasst, um integrativer, vielfältiger und regenerativer zu werden. Wie können wir unseren Lebensstil weniger rücksichtslos gegenüber der Natur gestalten, ohne dabei den technischen Fortschritt der Gesellschaft zu ignorieren?

Worin besteht der größte Schaden, der durch die Konzentration der menschlichen Bevölkerung in Städten verursacht wird? „Da wir die meiste Zeit in Städten leben, haben wir die Verbindung zur Natur verloren“, sagt Burcu Ates, Experte für Natur- und Kulturprogramme bei der Yolda-Initiative, einer türkischen Nichtregierungsorganisationen. Der Verfall und die Aufgabe traditioneller Landnutzungspraktiken haben sich negativ auf die ökologische Vielfalt der verschiedenen mediterranen Landschaften ausgewirkt. Während unsere Wälder aufgrund des Klimawandels anfälliger für Brände werden, sind Gebiete, in denen Ziegen grasen, weniger feuergefährdet. Das liegt daran, dass Ziegen entflammbare Pflanzen fressen und so auf natürliche Weise Brandschneisen in den Wäldern schaffen. Lokale Gemeinschaften – in diesem Fall nomadische Viehzüchter*innen – sind deshalb wichtige Verbündete im Kampf gegen Waldbrände im Mittelmeerraum.

Die „Alliance for Mediterranean Nature and Culture“ (AMNC) ist ein Zusammenschluss von 13 verschiedenen Organisationen, die hauptsächlich in der Mittelmeerregion tätig sind. Sie setzen sich für einen nachhaltigen Ansatz ein, der sich traditionelles Wissen zunutze macht. Sie glauben, dass dies einen entscheidender Beitrag zur Umkehrung des Niedergangs der Land-, Vieh- und Forstwirtschaft und damit zur Eindämmung des Klimawandels leisten kann. Die Allianz ist bemüht, ein globales, gemeinsames Forschungsprogramm zu entwickeln, Lobbyarbeit zu betreiben und Informationen an die breite Öffentlichkeit und die Konsument*innen weiterzugeben. Ein wichtiges Ziel besteht darin, die politischen Entscheidungsträger*innen von den Vorteilen mobiler Hirtengemeinschaften für die Natur, das Klima und die gesamte Gesellschaft zu überzeugen. Darüber hinaus entwickelt AMNC in Zusammenarbeit mit Stadtverwaltungen, Universitäten, Ministerien und Manager*innen Bildungs- und Schulungsaktivitäten, um uralte Kulturgüter zu fördern und den zuständigen Behörden Berichte vorzulegen.

„Wir glauben, dass menschliche Gemeinschaften der wichtigste Faktor für die Gestaltung der Landschaften im Mittelmeerraum sind. Damit unterscheidet sich unser Ansatz von anderen Naturschutzperspektiven, denn die herkömmliche Art, die Natur zu erhalten, basiert in der Regel auf der Gegensätzlichkeit von Natur und Mensch“, erklärt Burcu.
Bei einem internationalen Workshop in der türkischen Stadt Mersin im April 2022 kamen so Menschen aus Frankreich, Griechenland, dem Libanon, Marokko, Portugal, Spanien, Tunesien und der Türkei zusammen, um ein gemeinsames Rahmenwerk zur Bewertung des Nutzens von Kulturlandschaften zu schaffen. Traditionelles ökologisches Wissen ist äußerst wertvoll, und die Menschen in den Städten lassen sich davon inspirieren. Da die biologische Vielfalt auch in der städtischen Industrie zu finden ist, ist die Natur auch dort vorhanden – vielleicht ist es somit ein klügerer Ansatz zu begreifen, dass wir uns nicht einfach von ihr abkoppeln können.
 

Das Recht auf Klimaschutz als öffentliche Aufgabe

Das eigentliche Ziel dabei ist der Schutz des Klimas. Der Verlust von kulturellen Praktiken, die innerhalb eines Ökosystems miteinander verbunden sind, bedeutet eben auch den Verlust von Arten und Artenvielfalt. Einer der Aktionspläne der ANMC zielt darauf ab, die Rechte der nomadischen Gemeinschaften in der nationalen, regionalen und internationalen Politik zu stärken. Manchmal ist es für diese Gemeinschaften sehr schwierig, sich frei zu bewegen, weil Regierungen und Staaten sie sesshaft machen wollen, da sie so einfacher zu kontrollieren sind. Wenn sie umherziehen, haben sie schließlich keine feste Adresse – aber die Regierungen wollen, dass sie sich an einem bestimmten Ort registrieren lassen.

Eines der wichtigsten Rechte, bei dem die Organisation Yolda versucht, diesen Gemeinschaften zu helfen, ist das Recht auf Freizügigkeit. Bei diesem andauernden Kampf geht es um den Zugang zu Weideland und Gebieten, durch die ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gezogen sind.

Diese Orte sind heutzutage aufgrund der Verstädterung und intensiver landwirtschaftlicher Praktiken oft nicht mehr so leicht zugänglich. Manchmal haben diese Menschen auch keinen Zugang zu Wasser oder anderen Einrichtungen wie Bildung oder Gesundheit. Es ist von grundlegender Bedeutung, solche kulturellen Praktiken auf politischer Ebene in der Gesellschaft anzuerkennen, um diese Kulturen am Leben zu erhalten.

Kultur als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft

Man stelle sich Hunderte von Ziegen und Schafen vor, die durch das Zentrum von Madrid ziehen! Das klingt sowohl faszinierend als auch seltsam. Früher zogen die Hirten immer mit ihren Tieren durch das Zentrum der spanischen Hauptstadt. Um der großen Sommertrockenheit zu entgehen und die Regeneration der Weiden in Zentralspanien zu ermöglichen, legten die Herden von Juni bis Oktober oft hunderte von Kilometern zurück. Da die Stadt Madrid zugestimmt hat, die Durchquerung mit einigen Sicherheitsmaßnahmen und Strukturen zu begleiten, ist sie heute zu einem kulturellen Ereignis geworden.

Wenn wir die Lebensweise dieser Menschen schützen, können sie ihre eigene Art zu leben und zu produzieren beibehalten – und im Gegenzug erhalten die Städte faire Waren, gesunde und sichere Produkte ohne chemische Zusätze.

Burcu Ates

Die Stadt erkannte, dass es sich um einen ausgelassenen Anlass zum Feiern handelte, der schließlich immer mehr einem Volksfest ähnelte. Dank der Überzeugungsarbeit der Mitglieder dieser Gemeinschaft kann man nun an diesem Fest teilnehmen und Hunderte von Schafe mit ihren Hirt*innen bei der Wanderung durch Madrid beobachten. Es trägt den Namen „Fiesta de la Trashumancia“ und wird von „Trashumancia y Naturaleza“ organisiert, einer spanischen Naturschutzorganisation, die auch Teil der AMNC ist.

Diese Idee ist mit dem Recht auf faire, gerechte, gesunde und ökologische Lebensmittel für alle verbunden. Wie wir uns in den Städten ernähren, hängt in hohem Maße davon ab, was in ländlichen Gebieten produziert wird. Es besteht also ein enger Zusammenhang. „Wenn wir die Lebensweise dieser Menschen schützen, können sie ihre eigene Art zu leben und zu produzieren beibehalten – und im Gegenzug erhalten die Städte faire Waren, gesunde und sichere Produkte ohne chemische Zusätze“, betont Burcu. Und wenn die Erzeuger*innen direkten Zugang zu den Märkten haben, können wir als Bürger*innen ihre Produkte zu faireren Preisen kaufen.

Gemeinsam über die Zukunft nachdenken

Im Laufe der letzten 12 Jahre hat die Yolda-Initiative eine vertrauensvolle Beziehung zu den Sarıkeçililer, einer speziellen Gruppe nomadischer Hirten, aufgebaut und einige der Schlüsselpersonen der Gemeinschaft persönlich kennengelernt.

Nomadische Gemeinschaften sind Außenstehenden gegenüber nicht immer sehr aufgeschlossen. Um mit ihnen zu arbeiten, ist es daher sehr wichtig, Vertrauen aufzubauen.

Burcu Ates

Die Gemeinschaft hat auch ihre eigene Art von Führungsstruktur: eine Anführerin, die sie immer dann vertritt, wenn es um die Rechte der Gemeinschaft geht; sie ist ihre Sprecherin im Dialog mit der Regierung, internationalen Organisationen und den Medien. Bei jeder Gelegenheit, z. B. wenn sie Projektvorschläge von jemandem erhalten, der mit ihnen zusammenarbeiten möchte, wird zuerst die Gemeinschaft konsultiert und die Entscheidung erfolgt nur mit der Zustimmung und Einbeziehung der Mitglieder.

Kürzlich organisierte Yolda einen Workshop mit Interessenvertreter*innen aus vielen verschiedenen Bereichen, um gemeinsam über die Zukunft dieser Art von nomadischen Praktiken nachzudenken und zu erörtern, wie durch den Aufbau von Kreislaufwirtschaftsmodellen in Städten Brücken zu solchen lokalen Erzeuger*innen geschlagen werden können.

„Für mich war die Begegnung mit einigen politischen Entscheidungsträger*innen sehr inspirierend. Auf den ersten Blick dachte ich, dass sie sich nicht sonderlich für das Thema interessieren würden, aber nachdem sie zwei Tage mit uns und den Vertreter*innen der lokalen Gemeinschaften verbracht hatten, sagten sie: „Warum haben wir nicht schon früher etwas für diese Gemeinschaften getan? Wieso haben wir sie einfach ignoriert?“ sagt Burcu.

Aus dem zweitägigen Workshop sind viele Kooperationen und Partnerschaften hervorgegangen. „Das ist wirklich wichtig für uns, denn manchmal haben wir nicht die Kapazitäten, um selbst viel zu erreichen; aber mit Partnerschaften und Kooperationen können wir es schaffen“, erklärt Burcu. Indem man im städtischen Umfeld mehr über diese Praktiken spricht, kommt die Stadt dem vor langer Zeit an diesen Orten gelebten Lebensstil näher, und gleiches gilt für die daraus resultierenden gesunden biologischen Erzeugnisse. Vielleicht gelingt es uns Stadtbewohner*innen, zu erkennen, wie wir miteinander verbunden sind, um gemeinsam eine nachhaltige Lebensweise zu entwickeln.
  

In dieser Reihe geht es um:

Das Projekt „Inspirador für mögliche Städte“ von Laura Sobral und Jonaya de Castro zielt darauf ab, Erfahrungswerte aus Bürger*inneninitiativen, akademischen Kontexten und politischen Maßnahmen zu identifizieren, die sich an Transformationsprozessen hin zu nachhaltigeren, kooperativeren Städten beteiligen. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Lebensweise und unsere Konsumgewohnheiten die Auslöser der Klimakrise sind, bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Mitverantwortung einzugestehen. Grüne, geplante Städte mit autonomer Nahrungsmittelversorgung und einer Abwasserentsorgung auf Grundlage natürlicher Infrastrukturen können ein Ausgangspunkt für die Entwicklung der neuen Vorstellungswelt sein, die für diesen Wandel notwendig ist. In dem Projekt werden öffentliche Maßnahmen und Gruppeninitiativen aus der gesamten Welt vorgestellt, die auf die Möglichkeit anderer Lebensweisen aufmerksam machen.
 
Das Projekt systematisiert inspirierende Fälle und Ideen in den folgenden Kategorien: 

#entwicklung_neudefinieren, #raum_demokratisieren,
#ressourcen_(re)generieren, #zusammenarbeit_intensivieren, 
#politische_vorstellungskraft

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