„Wir müssen uns mehr füreinander interessieren“ - Larissa Bender zur Übersetzung aus dem Arabischen ins Deutsche

Eingeladen vom Goethe-Institut Irak spricht Larissa Bender, Übersetzerin etlicher arabischsprachiger Romane, auf der Internationalen Buchmesse in Basra (20. Oktober - 30. Oktober 2021) über den langen Weg der Übersetzung aus dem Arabischen ins Deutsche und wie sie als Übersetzerin zum Kulturaustausch beiträgt.

Von Schluwa Sama

Larissa Bender bei Ihrem Vortrag auf der internationalen Buchmesse in Basra Khaled Tawfik © Goethe-Institut Irak
Die Übersetzung selbst, also die Interpretation arabischer Sprache und beschriebener Gefühlswelten innerhalb des jeweiligen kulturellen Kontexts - sei es der irakische, syrische oder ägyptische Kontext  - und das darauffolgende Suchen nach passender deutscher Sprache, indem das ursprüngliche Werk letztlich transformiert und für eine neue Leserschaft nicht nur lesbar, sondern auch verständlich macht, ist eine Kunst für sich. Wie in jedem künstlerischen Bereich, gibt es dabei verschiedene materielle und strukturelle Zwänge, in denen sich Übersetzer*innen bewegen müssen, wenn sie denn von dieser Kunst leben wollen.

Innerhalb der Gemeinschaft von Übersetzer*innen leben viele selbst am Existenzminimum. „Allein vom Übersetzen können wir Arabischübersetzer*innen nicht leben. Während Übersetzungen zum Beispiel vom Englischen oder Französischen ins Deutsche schneller gehen und es hier auch möglich ist, davon zu leben, ist der Weg vom Arabischen ins Deutsche ein langer Weg“, so Larissa Bender. Übersetzer*innen selbst sind zudem nicht frei Bücher und Romane zum Übersetzen selbst auszuwählen. Die Entscheidungsmacht liegt dabei bei den Lektor*innen der Verlage, die allerdings mangels arabischer Sprachkompetenzen im Grunde auf Übersetzer*innen angewiesen sind, was daher zu Spannungen zwischen Lektor*innen und Übersetzer*innen führen kann. Hinzu kommt, dass sich auch die Publikation von Büchern verändert. Heute werden immer weniger Exemplare eines Buches gedruckt. Das wirkt sich auch auf die Nachfrage nach Übersetzungen aus. Um innerhalb dieser Einschränkungen zu arbeiten braucht es neben dem Lebensunterhalt daher eine starke Motivation für das Übersetzen von Literatur.

Dies wird auch bei Larissa Bender deutlich, die mehrheitlich Romane und Literatur mit gesellschaftspolitischem Inhalt, übersetzt. So gehört zu ihren ersten Büchern auch die komplexe Literatur vom irakisch-saudischen Schriftsteller Abdulrahman Munif, dessen Buch „Östlich des Mittelmeers“ die Geschichte eines politischen Gefangen erzählt. „Literatur hilft dabei zu verstehen, wie Regime die Seelen und Körper von ihren Bürger*innen zerstören. Es hilft zu verstehen, warum Menschen ihr Land verlassen, warum sie nach Deutschland kommen. Wir müssen uns mehr füreinander interessieren“, erklärt Bender im Kontext der Flucht vieler Menschen aus arabischsprachigen Ländern nach Deutschland.

Besonders aufgrund der Nachrichtensprache in Deutschland, die häufig oberflächlich und eurozentrisch über Krieg und Flucht berichtet, nehmen Übersetzer*innen des Arabischen eine wichtige Rolle ein. „Wir als Übersetzer*innen tragen zu einem Kulturaustausch bei“ sagt Larissa Bender.  
  Larissa Bender bei Ihrem Vortrag auf der internationalen Buchmesse in Basra Khaled Tawfiq © Goethe-Institut Irak

Sie erzählt, wie zahlreiche Nahostkorrespondent*innen mit Ausbruch der Aufstände im arabischsprachigen Raum ihre Artikel zu Büchern zusammengefasst und publiziert haben. Die Stimme von arabischsprachigen  Denker*innen, Aktivist*innen und Schriftsteller*innen hat zu dem Zeitpunkt in Deutschland fast keinen Raum gefunden. Dies war auch ein Grund für ihre Entscheidung als Herausgeberin des Buches „Innenansichten aus Syrien“ verschiedenen arabischsprachigen Autor*innen die Möglichkeit zu geben in Deutschland selbst zu Wort zu kommen.

Obwohl Bender in letzter Zeit hauptsächlich syrische Romane übersetzt hat, hat sie auch irakische Autoren übersetzt. Dazu gehört zum Beispiel das Buch „Der letzte der Engel“ von dem aus der Stadt Kirkuk stammenden Autor Fadhil al- Azzawi, der die Zerrissenheit der irakischen Gesellschaft im Jahre 1950 literarisch verarbeitet. Eines der nächsten Übersetzungsprojekte auf der langen Liste von Benders Büchern ist das Buch „The Bird Tattoo“ der irakischen Autorin Dunya Mikhail, in der die Leidensgeschichte jesidischer Frauen aufgegriffen wird, die vom IS verkauft wurden. Für die Übersetzung irakischer Bücher benötigt Bender mehr Zeit zur Recherche und Nachfrage von Ausdrücken und dem Verstehen vom kulturellen Inhalt des irakischen Arabisch, denn Arabisch ist nicht gleich Arabisch. Während Bender lange Zeit in Syrien gelebt hat, sich im syrischen Dialekt auf Arabisch ausdrückt, unterscheidet sich die arabische Sprache von Land zu Land auch im geschriebenen Wort.

Als Übersetzerin nimmt Larissa Bender nicht nur lange Übersetzungswege auf sich, sondern hat auch die Sensibilität entwickelt zu erkennen, wo Unkenntnis über arabischsprachige Menschen in Deutschland besteht, wie sich deutsche Diskurse entwickeln und wo letztendlich der kulturelle Übersetzungsbedarf am größten ist. Gesellschaftlichen Schieflagen mit Literatur und Lyrik entgegenzuwirken gehört damit auch zur Arbeit von Larissa Bender.
 

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