Ausgesprochen … gesellig  Sommer 2023, eine abschließende Anmerkung

Aufziehendes Gewitter
Unwetter kamen in diesem Sommer in nahezu allen üblichen Urlaubsländern vor Foto (Detail): Annett Schmitz; © mauritius images

Die Zeit der Sommerferien geht dem Ende zu. Maximilian Buddenbohm hat eine Verschiebung in den Gesprächen über die Urlaube ausgemacht.

Langsam endet die allgemeine Urlaubssaison, die für viele Menschen bedeutet, dass das Jahr in zwei Teile zerfällt, nämlich in die Zeit vor und nach den Sommerferien. Man lebt erst eine ganze Weile, viel zu lange in der Regel, auf die große Reise hin, man erledigt danach dann den Rest des Jahres, das ist so vermutlich mehrheitsfähig. Man packt die Koffer nach den Ferien wieder aus, man geht mit oft nur mäßiger Begeisterung zurück an den Arbeitsplatz und denkt: „Okay. Jetzt nur noch durchhalten bis Weihnachten.“ So in etwa geht es vielen, der Mensch denkt und plant in solchen großen Blöcken. Damit haben wir also jetzt den ersten Teil des Jahres, diese Zählung hat mit Monaten und Zahlen nichts zu tun, hinter uns und können noch einmal kurz zurücksehen und uns fragen, wie dieses Jahr 2023 mittlerweile geworden ist, nachdem der Sommer dazugekommen ist. Hat es einen besonderen Charakter, eine Färbung bekommen, was ist es nun für ein Jahr?

Eine Verschiebung

Es gibt tatsächlich eine Änderung, eine Verschiebung, die mir in den letzten Wochen   aufgefallen ist. Sie ist klein, fast winzig, und leider kaum aus dem Deutschen übersetzbar, fürchte ich. Sie wird uns aber rückblickend vermutlich sehr passend für dieses Jahr erscheinen, und man wird später vielleicht sagen können: „Genau, so fing das an, und es war in diesem Jahr.“

Es handelt sich dabei nur um eine winzige Ergänzung von zwei Buchstaben im Smalltalk. Ich habe diese Ergänzung jetzt so oft gehört, dass ich sie für allgemeingültig halte, obwohl ich um den Standardstichprobenfehler unseres Erlebens weiß. Es war nämlich früher, und dieses „früher“ reicht exakt bis zum Jahr 2022, vollkommen üblich, sich nach den Urlauben gegenseitig zu fragen: „Und, wie war das Wetter?“ Diese harmlose Frage reichte dann verlässlich für mindestens zehn Minuten weiteren harmlosen Smalltalk über Urlaubsorte und meteorologische Bedingungen. Es gab immer etwas zu erzählen über das Wetter, das zu den Postkarten und Reiseführern gepasst hat oder nicht, das irgendwie Glück oder Pech war, und das im besten Fall vollkommen erwartungsgemäß war, so wie gebucht und bestellt. Ein denkbar harmloses Thema war das.

Die Unwetter

In diesem Jahr haben wir die Frage allerdings eingetauscht gegen eine andere, die zwar mindestens ebenso smalltalktauglich ist, aber doch eine andere Note hat, weniger harmlos ist und mit nur zwei Buchstaben mehr unsere Gegenwart präzisiert: „Und, wie war es mit den Unwettern?“ Denn die Unwetter kamen in diesem Sommer in nahezu allen üblichen Urlaubsländern vor, auf die eine oder andere Art, ob nun Hitzewellen, Stürme, Starkregen, Überschwemmungen, Hagel, Waldbrände oder Schlammlawinen, was auch immer, es war alles in reicher Auswahl dabei.

Diese kleine Ergänzung um nur zwei Buchstaben beschreibt den Sommer 2023 erstaunlich gründlich, denke ich. Und wenn alles so weitergeht, dann wird die Frage bei denen, die später in den Herbstferien noch einmal verreisen, noch ebenso angemessen sein. Sie wird es vielleicht auch für alle Zukunft bleiben.

Man kann seitenlang über den Klimawandel und seine Folgen im Alltag schreiben, über die Methoden der Attributionsforschung, über Temperatur- und Niederschlagsstatistiken et cetera, man kann aber auch einfach nur diese Verschiebung zur Kenntnis nehmen, es ist doch vieles darin. Wir können selbstverständlich – als ob wir noch Belege nötig hätten! – ergänzen, dass wohl nie vorher Unwetter aller Art derart die Titelseiten der Medien weltweit und wochenlang dominiert haben und dass es auf meinem Smartphone (und auf Ihrem vermutlich auch) nie vorher dermaßen viele verschiedene Unwetterwarnungen in den Sommermonaten gegeben hat. Aber wir müssen eigentlich gar nicht weiter nachdenken oder lange forschen. Diese bescheidene kurze Smalltalkfrage, die ist es im Moment für mich, die beschreibt 2023, in aller Abgründigkeit.

Eine weitere Steigerung

Ich war in den Sommerferien in Italien, es gab auf der Fahrt dorthin und auch dort vor Ort gleich mehrere Unwetterereignisse, auch spektakuläre. Als ich danach wieder zuhause war, ins Büro ging und Freunde traf, war das natürlich einigen bekannt, dass ich ungefähr zu jener Zeit dort war, als diese Urlaubsziele mit Bildern von Verwüstungen und langen Berichten in den Abendnachrichten waren. Es wurde daher mehrfach auch an mich eine Frage gerichtet, die der eben geschilderten ähnelt, sie ist vielleicht aber schon die weitere Steigerung, sie ist vielleicht der Ausblick auf die kommenden Jahre. Denn ich wurde von manchen nicht nur einfach gefragt, wie es mit den Unwettern war.

Ich wurde vielmehr lebhaft interessiert gefragt: „Und, hat es dich erwischt?“
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im Wechsel Maximilian Buddenbohm und Susi Bumms. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.