Den meisten Menschen dürfte bewusst sein, dass die Umgebung, in der man lebt, auf die ein oder andere Art und Weise unsere Psyche und Lebensqualität beeinflusst. Deswegen bemühen wir uns, die eigene Umgebung sauber zu halten, sie schöner und gemütlicher zu machen und unser Zuhause nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Aber lässt sich das auch auf ganze Wohnhäuser, Wohnviertel oder sogar Städte anwenden? Warum haben wir Städte so gebaut, dass es uns dort nicht gut geht? Warum fühlen wir uns in unseren Städten nicht mehr zuhause?
Erst gestalten wir die Städte – dann gestalten sie uns.“
Jan Gehl
Der slowakische Architekturpsychologe Michal Matloň setzt den Wohn- beziehungsweise Lebensraum in direkten Zusammenhang mit der Gesundheit, indem er sagt: „Wenn man sich lange Zeit in einer Umgebung bewegt, die chronischen Stress hervorruft, können in der Folge mentale und physische gesundheitliche Probleme auftreten. Und der überwiegende Teil unserer heutigen städtischen Umgebung – Interieur wie Exterieur – erzeugt Stress.“
Nichts engt dich mehr ein als ein Open Space. Wir wissen genau, was Stress ist.“
Modré Hory
Der israelische Architekt und Wissenschaftler Itai Palti geht noch weiter, indem er die Art und Weise, wie wir Städte bauen, mit der Geschichte Frankensteins vergleicht, der ein potenziell gefährliches „Monstrum“ erschuf. Er meint damit, dass wir uns oft nicht bewusst machen, was wir zum Leben erwecken, wenn wir Städte planen. In unserem überbordenden Urbanismus handeln sind wir „bewusstlos“. Deshalb kann der Raum, den wir erschaffen, sich wie ein Ungeheuer gegen uns wenden.
Palti ist Begründer der Conscious-Cities-Bewegung und hat es populär gemacht, Erkenntnisse der Neurowissenschaften in die Architektur und Urbanistik einfließen zu lassen. Seiner Ansicht nach spiegeln Städte nicht die Wunschvorstellungen ihrer Bewohner wider, sondern die Bemühungen der Architekten, die den Willen ihrer Klienten realisieren. Und genau darin sieht er die eigentliche Ursache dafür, dass die Art der Gestaltung von Städten und Wohnraum der Gesundheit der Bewohner nicht zuträglich ist. Wer Macht über beziehungsweise Einfluss auf die Gestaltung von Städten hat, ist extrem ungleichmäßig verteilt.
Das Ego des Architekten sollte in der gestalteten Umgebung nicht sichtbar sein.“
Itai Palti
Palti meint, dass es ein Fehler sei, der Idee nachzugeben, ein guter Architekt wäre jemand, der Gebäude als eigenständige Objekte betrachtet: „Wenn wir an Architekten denken, halten wir sie oft für eine Art Gott. Aber das ist genau das Gegenteil davon, was sie sein sollten. Architekten sollten unsichtbar sein. Sie sollten Mittler sein für Gemeinschaften, ihnen helfen, ihre Bedürfnisse und Wünsche umzusetzen.“
Die Möglichkeit zu wählen und zu kontrollieren, ist einer der Faktoren bei der Gestaltung von Umgebungen, die den Menschen guttun. Durch Partizipation können Menschen einbezogen werden in den Prozess der Ideenfindung für Wohnungen, Häuser, Hinterhofkomplexe oder ganze Stadtviertel. Michal Matloň betont die Wichtigkeit dessen, dass man sich als Architektin oder Architekt wirklich tiefgehend mit den Spezifika, den Bedürfnissen und dem, was den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner gefallen könnte, auseinandersetzt und es schafft, all das in die Gestaltung einfließen zu lassen.
Manche Wünsche können ohne eingehende Reflexion nur einen aktuellen Modetrend aufgreifen, der nicht wirklich dazu beiträgt, ein Gefühl von Wohlbefinden zu erzeugen. „Ein Aspekt des Themas ist auch die Schaffung von Möglichkeiten, Räume zu beeinflussen und zu verändern, die bereits fertig gebaut sind. Die Menschen müssen ihre Umgebung anpassen können, damit sie zu ihnen passt. Leider ist das heutzutage oft nicht möglich, weder in Wohngebäuden noch in Büros“, erklärt der Umweltpsychologe.
Wenn die Grundvoraussetzungen für eine gesunde Umgebung geschaffen sind, können weitere Faktoren angegangen werden, die diesen Raum zu einem für die Psyche wohltuenden Ort werden lassen.
Eine groß angelegte, 80 Jahre dauernde Studie der Harvard Universität, in der Faktoren untersucht wurden, die das Leben der Menschen verlängern, kam zu einem überraschenden Ergebnis. Es zeigte sich nämlich, dass im Laufe des Älterwerdens gesellschaftliche Beziehungen und soziale Bindungen für die Gesundheit und ein gutes Leben entscheidend sind. Neben einer gesundheitsorientierten Lebensführung sind es gerade die guten Beziehungen, die uns gesund und glücklich bleiben lassen. Sie fungieren als Puffer gegen Stress und schützen damit die Gesundheit insgesamt.
Die Erkenntnisse der Umweltpsychologie zeigen, dass die Räume, in denen wir leben, diese sozialen Bindungen beeinflussen: „Oft kümmert es niemanden, ob solche Beziehungen entstehen können“, gibt Michal Matloň zu bedenken. „Die Menschen müssen sich selbst darum kümmern. Eine Umgebung kann jedoch die Entstehung und den Erhalt von Beziehungen entweder fördern oder ganz im Gegenteil die Wahrscheinlichkeit verringern, dass solche Bindungen entstehen.“ Als Beispiel nennt Matloň Wohnblöcke und deren unmittelbare Umgebung. Meist werden sie gebaut, ohne dass darauf geachtet wird, wie gesellschaftliche Interaktion gefördert werden kann, ausgerichtet an rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Alle Nachbarn teilen sich einen gemeinsamen langen Flur, aber der einzige Mensch, der den gesamten Raum nutzt, ist derjenige, der ganz am Ende wohnt. Manchmal sind die Nachbarn auch durch alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen voneinander getrennt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen sich hier treffen, ist minimal. Und wenn sie doch aufeinandertreffen, dann fällt die gemeinsam geführte Unterhaltung dem drängenden Gefühl zum Opfer, diesen unangenehm leeren Raum möglichst schnell wieder verlassen zu wollen.
„Doch auch ein Flur kann so geplant werden, dass er nicht nur ein Transitraum ist. Auch ein Flur kann ein Ort sein, an dem sich eine angenehme Zeit verbringen lässt, zum Beispiel im Gespräch mit den Nachbarn. Das Gleiche gilt auch für die vertikale Trennung. Wenn Menschen auf 30 Etagen verteilt sind, kommen sie weniger miteinander in Kontakt, als wenn sie horizontal verteilt wären.“
Der slowakische Architekturpsychologe Michal Matloň | Foto: © Peter Bestvina
Genau wie die Flure dienen auch viele Straßen nur als Durchgangsort. Das mag ein Überbleibsel dessen sein, wie öffentlicher Raum im 20. Jahrhundert wahrgenommen wurde. Der modernistische Ansatz betrachtete Straßen als Transiträume für Automobile, die Menschen von einem Stadtviertel in ein anderes bringen. Von einem Wohnviertel in ein Arbeitsviertel oder ein Geschäftsviertel und im günstigeren Fall auch mal in ein Viertel, das dem Vergnügen und der Erholung dient. In den so geplanten Städten konnten sich die Menschen irgendwann nicht mehr wohl fühlen und haben sich entfremdet.
„Eben aus diesem Grund kehren wir zu der Analogie zurück, dass ein guter öffentlicher Raum, sagen wir ein Platz, wie ein großes Wohnzimmer funktionieren sollte“, erklärt Matloň. Damit Menschen sich dort wohl fühlen und sich mit anderen Menschen treffen können, muss der Platz Möglichkeiten zum Verweilen bieten, ein Gefühl der Sicherheit und bis zu einem gewissen Grad auch Privatsphäre vermitteln. Ein Wohnzimmer benötigt außer der entsprechenden Einrichtung auch Wände, die es definieren und die auch für sich gesehen ansprechend sind. Auf den öffentlichen Raum bezogen erfüllen die Fassaden der umliegenden Gebäude diese Funktion. Im modernistischen Konzept wurden die öffentlichen Räume jedoch eher als zwischen einzelnen Gebäuden zurückgebliebene Baulücken betrachtet.
Der dänische Stadtplaner Jan Gehl, eine Legende der auf den Menschen fokussierten Urbanistik, geht noch weiter, indem er eine gelungene Stadt mit einer guten Party vergleicht: „Die Menschen bleiben dann länger als unbedingt notwendig, weil sie eine großartige Zeit haben.“ Öffentliche Plätze und Orte mit Leben zu füllen, ist seiner Meinung nach von grundlegender Wichtigkeit und bedeutet für ihn, „dass sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten ganz natürlich auf Straßen, Plätzen und städtischen Parkanlagen begegnen. So kann man sehen, zu welcher Gesellschaft man gehört. Man kann seine Mitmenschen von Angesicht zu Angesicht treffen und beobachten, wie sie ihrem täglichen Leben nachgehen.“
Ein weiteres Prinzip, das in Städten ein Gefühl seelischen Wohlbefindens hervorrufen kann, ist Biophiles Design, das heißt eine mit der Idee der Biophilie arbeitende Architektur. Der amerikanische Biologe Edward O. Wilson definiert Biophilie als „angeborene emotionale Verbindung des Menschen mit anderen lebenden Organismen.“ Darum hat die Natur therapeutische Effekte auf Menschen. Zum Beispiel kann ein Waldspaziergang die Konzentrationsfähigkeit steigern. Eine ähnliche Wirkung tritt auf, wenn sich viele Naturelemente in unserer Umgebung befinden.
„Es funktioniert deshalb, weil das menschliche Gehirn auf das Leben in der Natur abgestimmt ist. Die Natur ist nicht minimalistisch, sie bietet vielfältige visuelle Reize. Sie ist geordnet, es lassen sich in ihr Muster, Symmetrien und fraktale Geometrien finden. Unser Gehirn ist auf diese Muster evolutionär trainiert, kann sie verarbeiten und verstehen, und fühlt sich deshalb in der Natur besonders wohl und zuhause. Die traditionelle Architektur, die wir jetzt wiederentdecken, macht sich diese Prinzipien zunutze und trickst so unser Gehirn auf gewisse Weise aus. Genau das müssen wir wieder in die Architektur zurückholen“, argumentiert Michal Matloň.
Ein positives Beispiel solcher Räume sind die traditionellen und in letzter Zeit verstärkt wiederbelebten Hinterhofkomplexe von Bratislava. Dort kann man eine Vielzahl von Möglichkeiten beobachten, wie Menschen ihre Pawlatschengänge, Balkone, kleinen Gärten und Ähnliches gestalten. Im Gegensatz dazu eignet sich die moderne Architektur oft nicht dafür, von den Menschen verändert zu werden, die in ihr leben. Die Bewohner würden durch ihre Einflussnahme die Vision des Architekten stören, die sich oft durch klare Linien und ein Minimum an Details auszeichnet. Das Resultat würde nicht mehr so gut aussehen. Der Umweltpsychologe erklärt dies damit, dass Architekten sich oft nur den leeren Raum vorstellen, aber das menschliche Leben nicht mitdenken.
Die moderne Architektur altert oft schlecht.“
Michal Matloň
Historische Architektur (oder neue, die auf den gleichen Prinzipien aufbaut) ist detailreicher, vielfältiger und nutzt häufiger Naturmaterialien. In ihr kommt, wenn man so will, die Unvollkommenheit von Mensch und Natur zusammen. Etwas zutiefst Menschliches. Auf diese Argumente beruft sich Michal Matloň, wenn er behauptet, dass solche Gebäude besser dazu geeignet seien, dass Menschen ihre eigenen Elemente einbringen und sie so an ihr Leben anpassen. Gleichzeitig würden die Gebäude auch physische Abnutzung und Schäden besser aushalten; Patina würde wird hier nicht als etwas Negatives wahrgenommen.
Architektonische Prinzipien, die den Menschen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, werden immer beliebter und spiegeln sich wie selbstverständlich in populären Konzepten wie der 15-Minuten-Stadt oder der Soft City wider. Aus der Sicht des Architekturpsychologen Matloň sind sie sinnvoll: „Es sind moderne Bezeichnungen für Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Natürlich ist es gut, wenn Menschen in der Stadt schnell dahin gelangen können, wo sie hinmüssen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Die Soft City betont traditionelle Stadtstrukturen mit kleinen Quartieren, einem dichten Netz kleinerer, ruhigerer Straßen, wo Leben stattfinden kann, mit Hinterhofkomplexen, die einen halböffentlichen Raum bilden. Diese Prinzipien sind nicht neu, aber wenn wir sie wieder durchsetzen wollen, brauchen wir vielleicht diese neuen Bezeichnungen.“
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass wir in die Vergangenheit zurückkehren sollen, um genau das Gleiche zu bauen. Zweifelsohne ist es jedoch nützlich, sich anzuschauen, wie Städte und Wohnviertel geplant wurden und welche Qualitäten und Prinzipien einer Architektur zugrunde liegen, die das Wohlbefinden der Endnutzerinnen und Endnutzer zum Ziel hat. Und dabei ist es egal, ob wir von „am Menschen ausgerichteter“, „bewusster“, „biophiler“ oder „empathischer“ Architektur sprechen, ihre Vorzüge werden sich in der psychischen und physischen Gesundheit der Menschen niederschlagen.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Oktober 2024