Das Leben der Frauen in Saudi Arabien verändert sich in rasantem Tempo. Doch wie nachhaltig ist dieser Wandel – und was halten die Frauen selbst davon?
Ich stehe im Eingang zu einem Wohnkomplex und wünschte, ich könnte mich vor der stechenden Sonne schützen – vergebens. Vor mir eine Reihe geparkter Autos, dahinter eine vierspurige Straße, einen Gehweg gibt es nicht. Es ist nicht der beste Ort, um eine Zigarette zu rauchen, aber ich tue es trotzdem.Ein Mann nähert sich, seine Schritte sind schnell und bestimmt. Im Vorbeigehen mustert er mich von oben bis unten, bleibt dann kurz stehen und schaut mir in die Augen, neugierig, aber freundlich. “Woher kommst du?”, fragt er. “Aus Deutschland”, antworte ich. Er lächelt, ein Hauch von Stolz in seinem Blick, und sagt: “Herzlich willkommen im Königreich Saudi-Arabien.”
Eine alltägliche Szene, eigentlich nicht weiter bemerkenswert. Doch noch vor wenigen Jahren wäre alles daran undenkbar gewesen. Bis 2018 war Saudi-Arabien für westliche Tourist:innen weitgehend verschlossen, Frauen und Männer bewegten sich in der Öffentlichkeit in strikt getrennten Sphären. Dass ein Mann eine fremde, unbegleitete Frau auf der Straße offen anschaute, sie sogar ansprach, wäre nicht nur ein Tabubruch, sondern eine Straftat. Im November 2023 aber werde ich auf der Straße spontan und unbefangen begrüßt, nicht nur einmal, sondern fast jeden Tag – immer von Männern. Und immer mit dem gleichen Satz: „Herzlich Willkommen im Königreich Saudi-Arabien!“
Das konservative Königreich öffnet sich, nach innen wie nach außen, beides in beeindruckender Geschwindigkeit. Davon profitieren vor allem die Frauen des Landes. Sie dürfen Auto fahren, reisen und arbeiten. Die Erlaubnis eines männlichen Vormundes brauchen sie dafür nicht.
Das ist jedoch nicht alles. Frauen rücken in Führungspositionen auf, gründen eigene Unternehmen, übernehmen sogar politische Ämter – in Schweden, Island und den USA wird Saudi-Arabien durch Botschafterinnen vertreten.
In Deutschland und anderen Ländern der westlichen Welt wird die Modernisierung Saudi-Arabiens zwar begrüßt, aber auch mit Skepsis zur Kenntnis genommen. Denn so tiefgreifend die gesellschaftlichen Reformen sind – die politischen Machtverhältnisse im Land sind davon weitgehend unberührt geblieben. Meinungsfreiheit und Menschenrechte sind nach wie vor streng eingeschränkt; Parteien und landesweite Wahlen nicht erlaubt. Im Westen werden die saudischen Reformen deshalb oft als Propaganda abgetan, als berflächliche Inszenierung, die lediglich darauf ziele, das Land für westliche Investoren attraktiver zu machen.
Wie sehen das die Menschen, die diese Reformen im eigenen Alltag erleben? Wie denken vor allem diejenigen darüber, die davon am meisten betroffen sind – die Frauen?
Ein solches Gespräch zu initiieren ist nicht leicht, für eine westliche Journalistin ist es eigentlich unmöglich. Presseanfragen gibt es nicht, nur persönliche Vermittlungen und Empfehlungen. Man muss es schaffen, das Vertrauen zu einer Frau zu gewinnen – und plötzlich wird man von einer Frau zur nächsten vermittelt.
Doch auch dieser Vertrauensvorschuss reicht nicht immer aus. Keine der Frauen wollte ihren Namen in diesem Text lesen. Keine Fotos, keine Details, die die Frauen identifizierbar machen. Das liege an den schlechten Erfahrungen, die sie mit westlichen Journalist:innen gemacht haben. An der einseitigen Berichterstattung und fehlenden Verständnis. Es liegt aber auch an den Konsequenzen, die drohen, wenn sie vor der westlichen Presse etwas falsches sagen.
Der Kronprinz gewährt den Frauen die individuellen Freiheiten, die sie sich viele Jahre vergebens ersehnt haben. Die öffentliche Diskussion der tiefgreifenden Veränderungen bleibt weitestgehend aus. Denn Frauen, die mehr Teilhabe fordern oder gar offen feministische Ideen vertreten, riskieren Schikanen, Verfolgung und hohe Haftstrafen – und zwar auch dann, wenn ihre Forderungen inhaltlich mit der Reformpolitik des Regimes übereinstimmen.
So sehr den Frauen die Beschränkungen ihrer neuen Freiheit bewusst sind, einschließlich der brutalen Konsequenzen eines Verstoßes dagegen – kaum eine beklagt sich. Jedenfalls nicht gegenüber einer deutschen Besucherin. “Ich habe mein Leben lang für die Rechte von Frauen gekämpft. Aber jetzt gibt es nichts mehr, wofür ich kämpfen muss”, sagte eine. “Der Wandel ist da. Wir können uns zurücklehnen und dabei zusehen.”
Sie dürfen unbegleitet Cafés und Restaurants besuchen, auch abseits der abgeschotteten „family sections“, die früher den Frauen und ihren Familien vorbehalten waren. Und sie müssen keine Angst mehr haben, von der Religionspolizei wegen Verstößen gegen die islamischen Kleidervorschriften schikaniert oder gar verhaftet zu werden. So viele neue Möglichkeiten tun sich auf, dass die Frauen bisweilen fast den Überblick verlieren – und das Tempo der Veränderungen ihnen den Atem raubt.
“Wir erleben gerade alle einen riesigen Kulturschock”, sagt eine Frau, die mich zu sich nach Hause eingeladen hat. Sie ist Mitte 50, gebildet, wohlhabend und gut vernetzt. Viele ihrer Freundinnen sind Unternehmerinnen, die progressiven Stimmen des Landes.
Wir sitzen auf der Terrasse ihres prächtigen, von hohem Wänden umgebenen Anwesens, vor uns ein Tisch voller Datteln, Trauben, Melonen, Keksen. Ihre Haushälterin hat alles vorbereitet, serviert Tee und Kaffee. Etwa eine Stunde zuvor hat der Fahrer meiner Gesprächspartnerin mich abgeholt. Ich wollte das erst ablehnen, ihr nicht zur Last fallen, aber sie bestand darauf. “Das macht überhaupt keine Umstände“, sagt sie, als ich mich nach der Ankunft überschwänglich bedanke. „Mein Mann ist gerade geschäftlich unterwegs, er braucht den Fahrer nicht. Und ich fahre immer selbst”, betont sie mit einem selbstbewusstem Nicken.
Die Frau, die vor mir sitzt, ist gebildet. Sie hat ein Lehramtsstudium absolviert, anschließend als Dozentin an der Universität gearbeitet. Mittlerweile ist sie Life Coach für Frauen. Sie hat sich ihr Leben lang für die Rechte von Frauen ausgesprochen – doch die Schnelligkeit der Veränderungen überrascht auch sie. “Wir haben mehr Freiheiten, als wir es uns je hätten vorstellen können”, sagt sie. Die Mauern, die sie über Jahre hinweg einreißen wollte – plötzlich sind sie wie von alleine eingestürzt.
Doch nicht alle Frauen erleben die Liberalisierung als überraschend oder gar als Schock. „The people were ready. The women were ready“ – auch diese Sätze bekomme ich in vielen Gesprächen zu hören. Ein ehemaliges Mitglied der Shura, dem Beratergremium des Königs, erzählt, dass sich der Wandel über lange Zeit angebahnt hat.
Sie verweist auf einige der wichtigsten Stationen dieses langsamen, aber stetig voranschreitenden Prozesses der Emanzipation: 1956 – Eröffnung der ersten privaten Grundschule für Mädchen; 1960 – ein Erlass des Königs zur Öffnung von Mädchenschulen im ganzen Land; 1964 – Gründung der ersten weiterführenden Schule.1970 – Einweihung der Princess Nourah-University in Riad, der größten Frauen-Universität der Welt. Wenn die saudischen Schulabsolventinnen dort nicht das passende Studienfach fanden – zunächst hatten sie nur die Auswahl zwischen Lehramt und Medizin –, konnten sie im Ausland oder an Fernuniversitäten studieren, beides staatlich finanziert.
Heute beginnen in Saudi-Arabien mehr als ein Drittel aller Frauen eines Jahrgangs ein Studium, deutlich mehr als die gleichaltrigen Männer. Was jedoch nicht heißt, dass alle eine berufliche Karriere einschlagen: Noch immer gibt es viele Frauen, die nicht arbeiten, nicht alleine reisen, kein Auto lenken. Und ob studiert oder nicht: Die meisten verschleiern sich noch immer, tragen den Hijab, das Kopftuch, oder auch den Niqab, der nur die Augenpartie frei lässt. Die Verhaltens- und Kleidungsregeln, die früher von den religiösen Eliten und dem Königshaus vorgegeben wurden – sie sind nicht verschwunden, sie werden neu verhandelt. Immer und immer wieder.
“Immer, wenn meine Mutter und ich zusammen das Haus verlassen, bittet sie mich, einen Niqab zu tragen”, erzählt mir eine junge Frau, Anfang 30 und Unternehmensberaterin. Sie trägt eine Abaya, das hochgeschlossene, knöchellange, meist schwarze Gewand arabischer Frauen, doch ihre langen Haare fallen ihr frei über die Schulter. Einen Hijab trägt sie nur im Büro. Und die Bitte ihrer Mutter nimmt sie nicht allzu ernst. “Ich bitte sie immer, ihren Niqab abzulegen”, sagt sie und lacht. “Ich sage: ‘Ich will dich ansehen, wenn wir gemeinsam ausgehen.’ Aber meine Mutter sagt: ‘Du kannst mich zuhause ansehen.’”
Die verschleierte Frau gilt in westlichen Augen immer noch als Symbol eines radikalen Islam, der Menschenrechte und demokratische Freiheiten unterdrückt. Das wissen auch die Frauen in Saudi-Arabien – und ärgern sich darüber.
“Die Leute verwechseln immer wieder Religion und Tradition”, erzählt eine andere Frau, Mitte 30 und Psychologin. Sie selbst trägt einen Hijab, ein paar Haarsträhnen fallen ihr ins Gesicht. “Die Frauen hier in Saudi-Arabien haben sich schon immer verschleiert, lange vor Erscheinen des Propheten Mohammed, also lange vor dem Islam. Für mich ist der Schleier nicht nur Teil meiner Religion, sondern auch meiner Tradition. Deshalb hören die Frauen nicht einfach auf, sich zu verschleiern, nur weil sie es nicht mehr müssen.” Sie erinnert daran, dass schon in Texten aus dem 13. Jahrhundert vor Christus die Verschleierung von Frauen erwähnt wird – also lange vor dem Islam. Weshalb aus ihrer Sicht die Verschleierung auch kein genuin islamisches Gebot ist: “Überall auf der Welt gibt es Muslimas, aber nicht überall verschleiern sie sich. Sind sie deshalb schlechtere Muslimas? Ich glaube nicht.”
Es sind vor allem die Gespräche mit gebildeten, selbstbewussten Frauen, die zeigen: Die Gesetze eines Landes lassen sich schnell ändern, nicht aber sein Geist. Darin liegt auch eine Gefahr – und niemand wüsste das besser als diejenigen, die durch eine Rücknahme der Gesetze das meiste zu verlieren hätten. “Weißt du, ich bin ehrlich zu dir“, sagt eine der Frauen. „Die Mehrheit in diesem Land ist konservativ. Dass Frauen mehr Rechte haben, ist nicht im Sinne dieser Mehrheit. Wenn wir in einer Demokratie leben würden, wäre das schlecht für mich.“ Deshalb habe der Kronprinz ihre volle Loyalität. „Er versteht, dass sich das Land verändern muss.“ Angst davor, die neu gewonnenen Freiheiten wieder zu verlieren, hat sie nicht. “Wir leben in einem sehr jungen Land und unser Kronprinz gehört zur jungen Generation.” Mohamed Bin Salman ist erst 35 Jahre alt. Die meisten rechnen damit, dass er die nächsten 60 Jahre im Amt bleibt.
Wer sich mit saudischen Frauen trifft, führt nicht einfach ein Interview. Man führt Gespräche, erzählt auch von sich, baut Vertrauen auf. Die junge Psychologin fragt mich, ob ich noch bei meiner Familie lebe, so wie sie. Ich erzähle, dass ich für mein Studium in eine andere Stadt gezogen bin, aber noch ein Zimmer bei meinen Eltern habe. Dass sie es für mich freihalten, bis ich verheiratet bin – sie nennen das mein „Hausrecht“, eine bayerische Tradition. Die junge Frau ist begeistert. “Ich dachte, Leute im Westen werden alle mit 18 aus dem Haus geworfen und müssen dann alleine leben”, sagt sie. “Deine Eltern sind also konservativ!” Wir müssen beide lachen, als sie das sagt, und stellen fest: Die Wertvorstellungen unserer Eltern sind sich durchaus ähnlich.
Irgendwann während unseres Gesprächs schaut sie auf ihr Handy. Ich glaube, ihren gebannten Blick, das kaum merkliche Lächeln zu erkennen.
Als ich vorsichtig nachfrage, bestätigt sie meine Vermutung: Ein Mann hat ihr geschrieben. Und sie erzählt mir, dass sie ihn schon seit längerem trifft. Ein Europäer, den sie in der Arbeit kennengelernt hat. Sie nennt ihn nicht ihren Freund, sondern ihren maybe-future-husband. Es gibt nur ein Problem mit ihm: “Ich will einen Muslim heiraten.”
Nein, versichert sie, sie wolle das nicht, weil ihre Eltern oder die Moralregeln der Gesellschaft sie dazu nötigten. Sie sei nun mal gläubig, und deshalb lege sie Wert darauf, dass ihr Mann ihren Glauben teile.
Den Regeln, die dieser Glaube und die Traditionen des Landes mit sich bringen, fügt sie sich selbstverständlich – wenn auch mit leicht ironischem Augenzwinkern. “Oh, ich muss ein Taxi rufen”, sagt sie, als sie gegen elf auf ihre Uhr schaut. “Cinderella muss nach Hause.” Ihre Eltern erwarten sie spätestens um Mitternacht.