Badr und Dali Rtimi sind eineiige Zwillinge. Sie wachsen im Süden Tunesiens auf, leben später zusammen in Tunis, arbeiten in derselben NGO, kämpfen beide für die Rechte der LGBTQI+ Community, geraten beide ins Visier der Polizei.
Ihre Lebensgeschichte ist auch die Geschichte einer Revolution, die unvollendet geblieben ist. Einer jungen Generation, die hin und hergerissen ist zwischen Resignation und Veränderungswillen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung.2019 verlässt Badr Tunesien und beantragt politisches Asyl in Dresden. Dali bleibt zurück.
Wie bleibt man ganz, wenn eine Hälfte fehlt?
Gesichter kleben an Fensterscheiben, eingeschlafene Zehen zappeln in Flipflops. Am Fenster ziehen Kakteen und Olivenbäume vorbei. Die Sitze des alten VW-Busses klappern als er die staubige Straße entlang rast. Es ist Mitte November 2023, in Tunesien ist es immer noch warm.
Vor zwei Stunden ist Dali in diesen kleinen Bus gestiegen, in einer großen Halle am Rand von Tunis. Fünf Stunden später wird er in Gabès, seiner Heimatstadt im Süden von Tunesien, wieder aussteigen. Er wird seiner Mutter in die Arme fallen und seinen Neffen ins Bett bringen. Er wird in einer Kiste voller Bücher kramen, um ein paar davon mit zurück nach Tunis zu nehmen. E.M. Forster, Bruce Benderson, Raj Rao. Drei Autoren aus drei Ländern, die über ein Thema schreiben: Beziehungen zwischen Männern. Dali wird die Bücher aufs Bett werfen und gedankenverloren darin blättern. Er wird seufzen und sagen, dass er nicht mehr weiß, was er hier überhaupt noch soll.
Die Luft im Bus von Tunis nach Gabès ist schwül. Dali liest. Mit der rechten Hand versucht er die losen Seiten festzuhalten, die sich vom Buchrücken gelöst haben und im Fahrtwind flattern. Mit der linken Hand schiebt er, Zeile um Zeile, sein Lesezeichen weiter. Ein altes Ticket von einem Theaterstück der Regisseurin Essia Jaibi. Unter ihrer Leitung wurde 2022 zum ersten Mal ein queeres Theaterstück in Tunesien aufgeführt.
Das Buch, das in Dalis Schoß liegt: Eckart Tolles Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, der Weltbestseller eines deutschen Autors, der lehrt, die Gedanken an Vergangenheit und Zukunft loszulassen, um in der Gegenwart anzukommen. Eigentlich kann Dali das gut, im Jetzt sein. Zumindest hat er es immer wieder versucht.
Etwa während der Revolution 2011, als er auf der Avenue Habib Bourguiba, einer der wichtigsten Verkehrsstraßen in Tunis, mit Tausenden anderen für Demokratie demonstrierte. Oder 2014, als er sich der NGO Damj anschloss, um sich gemeinsam mit Gleichgesinnten für die Verbesserung der Rechte für die LGBTQI+ Community einzusetzen. Und schließlich 2017, als er begann, sich zusammen mit seinem Zwillingsbruder Badr ein Leben in Tunis aufzubauen.
In diesen Momenten, da war Dali ganz in der Gegenwart angekommen. Die Vergangenheit schien überwunden, die Zukunft vielversprechend.
Doch der Traum von Demokratie verwandelte sich nur zehn Jahre nach der Revolution in einen autokratischen Alptraum. Präsident Kais Saied, 2019 gewählt und erst gefeiert, entmachtete zwei Jahre nach Amtsantritt das Parlament und konzentrierte die Macht auf sich selbst. Auch die Organisation Damj musste einen großen Teil ihrer Arbeit im Verborgenen stattfinden lassen, um Mitglieder zu schützen. Und Dalis Zwillingsbruder Badr, zermürbt vom Kampf um Freiheit, entschloss sich 2019, das Land zu verlassen.
Die Hoffnung, dass Badr eines Tages wieder zurück nach Tunesien kommt, hat Dali mittlerweile aufgegeben.
Dabei sind die beiden doch in Cité El Amal, der Stadt der Hoffnung, geboren. Dort, vier Kilometer weiter südlich von Gabès, sind die Zwillinge zur Welt gekommen. Kurz vor Weihnachten, vor 30 Jahren. Dali um 22:50 Uhr, Badr zehn Minuten später. So steht es in ihrem Geburtspass. Auf dem Deckel des kleinen Büchleins: ein Regenbogensymbol. Aus heutiger Sicht wirkt es auf Dali schon fast komisch, er muss lachen.
Die Geburtspässe der Zwillinge, offizielle arabische Dokumente mit einem Regenbogensymbol. | © Hannah M. Schmitt
Im Bett gegenüber schnarcht Dalis Nichte leise vor sich hin. Neben ihm zupft sein Neffe an einem Stück Baguette. Krümel fallen auf die Bettdecke und landen auf einem alten Foto der Zwillinge. Beide tragen ein Pokémon-Shirt.
„Das bin ich“, sagt Dali zu seiner Cousine.
„Sicher?“, fragt diese zurück.
„Ja, ganz bestimmt“, sagt Dali.
„Gib mal her“, sagt seine Mutter, nimmt ihm das Album aus der Hand und setzt ihre Brille auf.
„Nein, das ist Badr.“
„Bist du dir sicher?“, fragt Dali.
„Ganz sicher, dein Gesicht ist schmaler. Und du hast diesen Leberfleck am Arm.“
Dali lacht und hebt den rechten Arm. Und tatsächlich, unter seinem Ellenbogen ist ein hellbrauner Fleck, etwas größer als die Kuppe eines Daumens.
Die Mutter der Zwillinge ist die Einzige, die beide wirklich auseinanderhalten kann. Selbst Familienmitglieder und langjährige Freunde kommen manchmal durcheinander.
Ihre Vorliebe für Flanellhemden, ihre buschigen, über der Nase zusammengewachsenen Augenbrauen, der Klang ihrer Stimmen. Selbst die Betonung der Silben ist identisch, ganz egal ob sie auf Arabisch, Englisch oder Französisch sprechen.
Damals in der Schule waren sie in unterschiedlichen Klassen und teilten sich das Lernen auf: Der eine schrieb dann beide Matheklausuren, der andere beide Biologieklausuren. Einmal bekam ihre Mutter sogar einen Anruf einer Lehrerin, die vermutete, dass die Zwillinge sie austricksen. Beweisen konnte sie das nicht. Also malte sie von da an, vor Schulbeginn immer einem der beiden ein großes X auf die Hand, um sie voneinander zu unterscheiden.
Dalis Neffe wälzt sich unruhig zwischen Fotoalben und Baguette-Krümeln. Dali zieht ihm den Schlafanzug an, schiebt ihm ein Kissen unter den kleinen Kopf und deckt ihn zu. Er ist jetzt drei Jahre alt, seinen Onkel Badr, der in Deutschland lebt, hat er nie kennengelernt.
***
Ende November, es ist kurz nach 17 Uhr und schon dunkel, die Temperatur ist längst unter null Grad gefallen. In Dresden steht Badr auf einem Parkplatz in einer viel zu dünnen Jacke und raucht. Er schaut nach oben. Winzige Schneeflocken landen auf seinen buschigen Augenbrauen, schmelzen und laufen ihm über die Wangen. Als er blinzelt, vermischen sich die Schneeflocken mit Tränen. „Ich versuche stark zu sein, aber es ist verdammt schwer“, sagt er.
Als sein Bruder und er acht oder neun Jahre alt waren, wurden sie zum ersten Mal getrennt, erinnert sich Badr. Zum ersten Mal schliefen sie nicht im selben Zimmer, sondern übernachteten bei unterschiedlichen Tanten in unterschiedlichen Städten. „Ich hab die ganze Nacht geheult und geschrien, dass ich zu Dali will“, sagt Badr.
Danach hielten sie noch fester zusammen. In der Schule organisierten sie Treffen mit den Parallelklassen, versuchten eine Vereinigung zu gründen, die die Interessen aller Schüler und Schülerinnen in ihrer Region vertrat. Während der Revolution 2011 fuhren sie immer wieder die fünf Stunden mit dem Bus von Gabès nach Tunis, um vor dem Regierungsgebäude zu demonstrieren.
Irgendwo dazwischen lernten sie mehr über sich selbst, aber auch übereinander. Beiden war eigentlich schon seit ihrer Jugend bewusst, dass sie schwul sind. Beide sagen, sie hätten gespürt, dass es ihrem Zwilling genauso geht. Ihr Coming-Out hatten sie aber erst Jahre später. Ihnen hätten die Worte gefehlt, um das, was sie fühlen, zu beschreiben. Die tunesische Sprache habe nur abwertende Begriffe für Homosexualität. Erst als Badr und Dali bei der NGO Damj arbeiteten, lernten sie neue, positive Begriffe und identifizierten sich von da an als queer. Heute wissen sogar ihre Eltern darüber Bescheid. Das ist selten in der tunesischen Gesellschaft. Die meisten Älteren sind strenggläubig. So früher auch die Mutter von Badr und Dali. Aber heute sagt sie: „Ich möchte, dass die beiden glücklich sind. Sie sollen ihr Leben so leben, wie sie es für richtig halten“. Das Wichtigste sei die Sicherheit ihrer Söhne, und um diese fürchte sie manchmal, besonders hier in Tunesien.
Ihre erste längere Trennung erlebten die Zwillinge nach dem Abitur. Badr studierte in Tunis Gebäude- und Energietechnik, Dali in Sousse Logistik und Transportwesen. Doch auch wenn sie nicht am selben Ort lebten, blieben sie sich immer nah. Beide engagierten sich für die Rechte queerer Menschen. Beide teilten die Hoffnung auf Veränderung, die Hoffnung auf ein gerechtes Tunesien.
Doch bei den Demonstrationen, an denen sie teilnahmen, kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Außerdem machten die Beamten Videoaufnahmen, um wiederkehrende Gesichter erkennen zu können.
Badr erzählt von einem Vorfall während der Revolution. Die Polizei habe Hunde auf die Demonstranten losgelassen, habe sie geschlagen und Tränengas eingesetzt, sagt er. Er konnte entkommen, bevor es zu einer Festnahme kam. Ein anderes Mal aber landete er nach einer Demonstration im Krankenhaus und musste über dem Auge genäht werden; die Polizei nahm anschließend seine Personalien auf.
Als die Zwillinge später für die NGO Damj arbeiteten und sich auch öffentlich für die Rechte der queeren Community aussprachen, gerieten sie weiter ins Visier der Polizei. Badr fing an, sich in Tunis nicht mehr sicher zu fühlen.
Zwar hat das Land seit der Revolution massive Fortschritte gemacht, vor allem in Bezug auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Gleichzeitig sind bis heute veraltete Gesetze in Kraft geblieben, wie der Paragraph 230, der gleichgeschlechtlichen Sex sowohl zwischen Männern als auch zwischen Frauen kriminalisiert und mit bis zu drei Jahren Haft bestraft.
Von der Staatsanwaltschaft angeordnete Analuntersuchungen zur Feststellung, ob ein Mann mit einem anderen Mann Geschlechtsverkehr hatte, sollten im Jahr 2017 abgeschafft werden, so hatte es die Regierung angekündigt. Trotzdem gibt es seither immer wieder Berichte von Betroffenen, die aus Angst vor Konsequenzen einer Untersuchung zustimmen.
In der ersten Zeit nach der Revolution war die neu gewonnene Freiheit im Land deutlich zu spüren; eine neue, demokratische Verfassung, die auch mehr individuelle Freiheiten garantieren soll. Doch die politischen Fortschritte führten nicht automatisch zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen. Und so prägen konservative Normen noch immer die Mehrheitsgesellschaft, was besonders für queere Menschen gefährlich ist.
In den Monaten, bevor er sich zur Flucht entschloss, rief Badr jedes Mal einen Freund an, bevor er die Wohnung verließ. Um Zeugen zu haben, um wenigstens einen Hauch von Sicherheit zu spüren.
Wie unsicher die Lage war und wie stark die Feindseligkeit, das spürte er fast täglich.
Eines Abends lief er von einer Bar zurück nach Hause. Ein Mann fragte ihn nach Zigaretten. Badr hielt ihm die Schachtel hin. „Wohnst du hier?“, fragte der Mann.
„Warum willst du das wissen?“, erwiderte Badr.
„Bist du sicher, dass nichts falsch mit dir ist?“, fragte der Mann.
„Nichts ist falsch mit mir, ich bin ganz normal“, sagte Badr.
Als der Mann in seine Tasche griff, rannte Badr los. Über zwei Kilometer verfolgte ihn der Mann durch die Altstadt, während Badrs Freund am Telefon mithörte und hoffte, dass er es rechtzeitig zu ihm schaffen würde. Kurz vor der Wohnung gelang es Badr, den Mann abzuhängen.
Ein anderes Mal lief er zusammen mit seinem Partner nach Hause. Zwei Männer bedrohten die beiden mit einem Messer, beleidigten sie, traten nach ihnen, stahlen Geld und Handy.
Ohne Dali an seiner Seite hätte Badr diese Zeit nicht überstanden.
Dali, der ältere von beiden, der große Bruder, fühlte sich verantwortlich für Badr. Er wollte ihn beschützen. Er tröstete ihn. Und fing ihn auf, wenn er von seinen Ängsten überwältigt wurde.
Trotzdem. Irgendwann traute sich Badr kaum mehr vor die Haustür, er litt an Depressionen und versuchte sich das Leben zu nehmen.
An diesem Punkt erkannten beide Brüder, dass es nur einen Ausweg gab: Badr musste Tunesien verlassen.
***
Dezember 2019. Tunis-Carthage International Airport. Hier sehen sich die Zwillinge zum letzten Mal. Wieder trennen sie sich, diesmal vielleicht für immer.
Ihr letzter gemeinsamer Moment: Als sie nach Mitternacht in der Abflughalle stehen und reden. Als sie Witze machen und lachen. Als alles wie immer scheint und zugleich komplett anders ist.
Irgendwann schaut Badr auf die Uhr. „Scheiße, nur noch 20 Minuten“. Er rennt zur Tür Richtung Sicherheitskontrolle.
„Sie sind zu spät“, sagt der Polizist am Eingang.
„Bitte lassen Sie mich durch. Bitte tun sie mir das nicht an“, sagt Badr.
„Gehen Sie, aber beeilen Sie sich“, sagt der Polizeibeamte und lässt ihn gehen.
Badr umarmt Dali, dann rennt er los. An der Sicherheitskontrolle schmeißt er Schuhe und Rucksack in einen Kasten, sprintet mit offenen Schnürsenkeln weiter zum Flieger. Er ist der letzte, der einsteigt.
Dali schaut ihm hinterher, bis er um die Ecke verschwindet.
Später wird er in sein Tagebuch schreiben:
Ich bin sauer auf dich, ich will nicht mehr mit dir reden. Zweimal hast du mich schon verlassen. Das erste Mal, als du zu viele Medikamente genommen hast, und das zweite Mal, als du gegangen bist. Mein geliebter Bruder, ich liebe dich und ich will dich nicht verurteilen … Ich weiß, wenn wir wieder miteinander reden, dann werden wir uns wieder verstehen.
Mit dem Zeigefinger streicht Dali über die regenbogenfarbenen Pailletten seines Tagebuchs. Sie glitzern jetzt in Silber. Nur dieses Buch kennt Dalis Gedanken, all die schmerzhaften Erinnerungen an den Abschied von seinem Bruder hat er hier hineingeschrieben. | © Hannah M. Schmitt
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Dresden, November 2023. Badr hat seine Zigarette aufgeraucht; er lässt sein Feuerzeug in der Tasche verschwinden und geht nach drinnen ins Büro, wo er sich auf einen Stuhl plumpsen lässt. Er arbeitet beim CSD Dresden und unterstützt queere Geflüchtete, die in Deutschland ankommen. Er begleitet sie bei Behördengängen, informiert sie über ihre Rechte, unterstützt sie bei der Wohnungssuche.
Vor vier Jahren war er es, der hier einen sicheren Ort gesucht hat. Heute hilft er anderen dabei, ihn zu finden.
Badr möchte sich beim CSD Dresden zur Wahl für den Vorstand aufstellen lassen. So wie Dali damals bei Damj. „Ich mache immer noch dasselbe wie in Tunesien“, sagt Badr. „Nur ist da nicht mehr ständig diese Angst in meinem Kopf.“
Als Badr ging, entschied sich Dali, zu bleiben. Er wollte weitermachen, für sie beide kämpfen. Als Vorstandsmitglied von Damj sah er sich in der Verantwortung, die queere Community in Tunesien zu schützen. Doch er ahnte nicht, wie viel Kraft ihn der Verlust seines Bruders kosten würde.
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Während Badr Tunesien verlässt, um seine Ängste hinter sich zu lassen, fangen sie bei Dali gerade erst an.
Nach dem Verlust von Badr zieht Dali sich zurück. Er schreibt in sein Tagebuch:
Soll ich lauter werden oder aufhören zu sprechen? Ich bin gefangen in einem Teufelskreis, nichts hat mehr Sinn … Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich alles verloren habe.
Wenig später ergänzt er:
Ich treffe niemanden mehr, ich will mit niemandem mehr reden, weil ich alle Hoffnung verloren habe … Was ist mit mir passiert? Wie bin ich so geworden? Bin das ich?
Ein rotkariertes Flanellhemd, das Badr immer getragen hat, trägt jetzt Dali. Er fängt an im selben Café zu arbeiten, in dem Badr gearbeitet hat, bevor er Tunesien verlassen hat.
„Als ich zum ersten Mal ins Rio kam, um mir einen Kaffee zu bestellen, dachte ich Badr ist zurück“, erzählt ein Freund der Zwillinge.
Für die Freunde sei es schwer gewesen, Badr zu sehen, ohne Badr wirklich zu sehen. Doch Dali schien es besser zu gehen, wenn er in Badrs Haut schlüpfen konnte.
Es war als würde Dali in die Fußstapfen seines Bruders treten wollen, als würde er versuchen die Lücke zu füllen, die Badr hinterlassen hat. Als würde er versuchen, beide Zwillinge gleichzeitig zu sein – Badr und Dali, Dali und Badr.
Die zweite Haut, die Dali sich angeeignet hat, sie erlaubt ihm, sich an den Verlust seines Bruders zu gewöhnen. Mit der Zeit geht es ihm besser, er schreibt seine Gefühle auf und versucht so, sie zu verarbeiten.
Immer wenn ihn seine Gefühle überwältigen, schreibt Dali. Meistens auf Arabisch, manchmal auch auf Französisch. Fünf Notizbücher hat er schon vollgeschrieben in den letzten vier Jahren. Auf dem neusten Buch steht: Unter keinen Umständen darf Folter toleriert werden! | © Hannah M. Schmitt
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Am 13. Juli 2021 schreibt Dali in sein Tagebuch:
Ich habe überlebt … und es ist das erste Mal, dass ich mich entscheide, richtig zu leben.
Er möchte herausfinden, wer er ist. Wer er ist, ohne seinen Bruder. Lange hat er sich gewünscht, dass Badr zurückkommt, hat überlegt, ob er auch nach Deutschland gehen soll und sich dagegen entschieden. Hier in Tunesien hat er eine Mission, hier kann er etwas verändern. Dali hat wieder Hoffnung.
Doch diese Hoffnung, sie stirbt nur zwölf Tage später, als am 25. Juli 2021 Präsident Kais Saied den Regierungschef Hichem Mechichi entlässt und das Parlament auffordert, seine Arbeit einzustellen.
Auf der Avenue Habib Bourguiba, derselben Straße, auf der er zehn Jahre zuvor gemeinsam mit seinem Bruder für Demokratie demonstriert hat, bricht er in Tränen aus.
Ein paar Monate später übernimmt Kais Saied auch die Kontrolle über die Justiz.
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Auf einer Couch in der Dresdner Neustadt sitzt Badr mit seinem neuen Freund Jonas. Der ist gerade aus dem Urlaub wiedergekommen. Bald, wollen sie gemeinsam verreisen. Sobald Badr endlich seinen blauen Pass hat, also seinen Reiseausweis für Geflüchtete.
Jonas hat den Arm um Badr gelegt. Ihre Beziehung habe ihm Halt gegeben, sagt Badr und muss grinsen. Er wirkt angekommen, in sich ruhend. Doch wenn er über Dali spricht, dann mischt sich Nervosität in seine sonst eher ruhige Stimme. „Ein Teil von mir ist noch immer in Tunis“, sagt er und lehnt den Kopf an Jonas Schulter.
Auch wenn sich Badr in Dresden ein Leben aufgebaut hat, so klafft da immer diese Lücke.
Wenn er sein Handy öffnet und die Posts sieht, die Freunde auf Social Media teilen, dann fühlt er sich isoliert, oft auch hilflos. Die Furcht vor schlechten Nachrichten begleitet ihn ständig.
Schon mehrfach hätte er über Facebook von der Festnahme seines Bruders erfahren. Die Meldungen seien dann vier, fünf Stunden alt gewesen. Er hätte versucht, Freunde zu erreichen, um herauszufinden, was genau passiert ist, doch niemand sei ans Telefon gegangen. Erst Tage später hätte er endlich mit Dali sprechen können.
Die Festnahmen sind willkürlich, juristisch unbegründet. Meistens darf Dali nach Eintreffen seines Anwalts wieder gehen.
Dennoch ist er inzwischen ständig auf der Hut, dauerhaft im Alarmzustand – wie fast alle queeren Männer in Tunesien. Der eigene Wahrnehmungssinn, er funktioniert wie eine Alarmanlage, die schon beim feinsten Windstoß anfängt schrill zu läuten. Und das muss sie auch. Denn jedes auffällige Kleidungsstück, jede Bewegung, könnte Aufsehen erregen, könnte als zu feminin wahrgenommen werden, könnte dafür sorgen, dass man belästigt wird – und im schlimmsten Fall sogar verhaftet.
Dieses ständige Versteckspiel, es erschöpft.
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In einem Café in Gabès trinkt Dali Espresso und raucht seine dritte Zigarette. Sonnenstrahlen knallen auf den Asphalt, Staub wirbelt durch die Luft.
Das Licht blendet ihn, er blinzelt und schaut nach vorn auf die Straße, auf den Boulevard Mohammed Ali. Benannt nach dem in Gabès geborenen Aktivisten, der das erste tunesische Gewerkschaftsmodell entwickelte und für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern kämpfte.
Hier auf dieser Straße hat Badr während der Revolution 2011 eine Rede gehalten. Hier auf dieser Straße fand 2017 die erste öffentliche LGBTQI+ Kundgebung im Süden Tunesiens statt. Hier auf dieser Straße wurde der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Damj von der Polizei verhaftet.
Tunesien sei schon immer chaotisch gewesen, sagt Dali. Vor allem während der Revolution. „Aber damals war es ein herrliches Chaos“, er grinst. Doch seit jenem 25. Juli 2021, als Präsident Kais Saied anfing, die Hoffnung auf Demokratie Stück für Stück zu ersticken, sei es ein Chaos, vor dem er sich fürchtet.
Seitdem überlegt er, ob es nicht auch für ihn besser wäre, zu gehen.
Lange habe er darüber nachgedacht, was das bedeuten würde. Seine beiden Schwestern leben in Katar, auch die anderen beiden Brüder kommen nicht oft nach Gabès. Wer kümmert sich um die Eltern, wenn Dali weg ist?
Nach Deutschland zu gehen, das kann er sich nicht vorstellen. Aber vielleicht nach Frankreich oder Belgien. Dort könnte er sich sein eigenes Leben aufbauen und trotzdem nah bei Badr sein. Noch einmal studieren, Kunst und Musik, vielleicht Schauspiel. „Zu spielen, ein anderer zu sein, das kann ich gut“, sagt er und lacht.
***
„Tunis, Sousse, Sfax“ schreien die Männer vor den VW-Bussen. „Tunis“, sagt Dali, drückt einem von ihnen sein Busticket in die Hand und wirft seine Tasche auf den Sitz. Es ist schon dunkel in Gabès, Wind weht benutzte Taschentücher und leere Kekspackungen durch die Straßen. Es ist kühler geworden.
Bis der Bus nach Tunis losfährt, wird es noch zwei Stunden dauern. Der Fahrer startet erst dann den Motor, wenn alle zehn Sitzplätze belegt sind.
Als es endlich losgeht, ist es stockdunkel. Der Fahrer hat das Fenster einen Spalt weit offengelassen, kühle Luft strömt hinein. Trotzdem riecht es nach zu vielen Menschen, die schon zu lange sitzen. Draußen leuchten die Sterne, drinnen glüht Dalis Zigarette. Er hat den Kopf nach vorne gelehnt und hört Musik. Fünf Stunden lang ist er fast ganz still.
Zurück in Tunis, nimmt er ein Taxi nach Downtown. Als es in eine Seitenstraße der Avenue Habib Bourguiba einbiegt, schaut Dali nach draußen. „Ich kann es kaum erwarten, das alles hier zu vermissen“, sagt er und steigt aus.
Es ist spät in Gabès. Schon seit zwei Stunden wartet Dali darauf, dass der Bus endlich losfährt, zurück nach Tunis. | © Hannah M. Schmitt