Demokratische Gesellschaften fußen auf geteilten Werten und Normen, und den für alle geltenden Rechten und Pflichten. Welche Bedeutung kommt in diesem Kontext der Solidarität zwischen den Mitgliedern zu – ist sie essenzieller Bestandteil einer funktionierenden Gemeinschaft oder nur eine nette Nebensache?
Im Jahr 1793 wurde eine französische Adlige auf der Place de la Concorde durch die Guillotine hingerichtet: Olympe de Gouges (*1748) hatte den Mut besessen, die Gleichstellung der Frau zu fordern und ihren Feminismus mit der Forderung nach Abschaffung der Sklaverei zu verbinden. Ein Jahr später starb in Paris der erste Präsident einer demokratischen Republik auf deutschem Boden: Georg Forster (*1754), der an James Cooks zweiter Weltumsegelung teilgenommen und auf dieser Reise seine anti-kolonialistische Lektion gelernt hatte. Und die Aufklärung ernst nahm: Nicht nur kämpfte er als Präsident der kurzlebigen Mainzer Republik für Demokratie, sondern vertrat mit dem späten Kant gegen den frühen Kant die Konsequenzen aus dessen Morallehre und widersprach seinen rassistischen Aussagen.Fast zwei Jahrhunderte später, auf einem anderen Kontinent, trat ein aus Polen gebürtiger Rabbi, Abraham Joshua Heschel (1907-1972), mit dem Schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. (1929-1968) den Marsch von Selma nach Montgomery an. Für beide, für Heschel und King, erforderte die Verpflichtung auf allen gemeinsame Menschen- und Bürgerrechte die Überwindung ethnischer, religiöser, linguistischer Identitäten. Alle drei Beispiele haben eines gemeinsam: die Universalisierung und damit Überwindung eines Besonderen oder Partikularen. Die Handlungen dieser Menschen gründeten auf der Überzeugung, dass in einer Gesellschaft, in der einem Einzelnen willkürlich Freiheit, Gleichheit und Würde versagt werden, niemand frei ist; dass die individuelle Erfahrung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit notwendig dazu führen muss, dass über die Grenzen des Individuellen, über die Grenzen von Ethnie, Kultur, Religion und Identität hinweg, Ungleichheit und Ungerechtigkeit bekämpft werden müssen.
Wozu führt diese Universalisierung? Was sind ihre Konsequenzen? Welchen soziologischen Begriff könnte man auf dieses Phänomen der Universalisierung des Besonderen anwenden?
Was eine Gesellschaft festigt
Naheliegend ist, auf den Begriff der Solidarität zurückzugreifen. Und auch, wenn man etymologischen Herleitungen nicht zu viel zutrauen soll, sagt der Wortkern von „Solidarität“ vielleicht doch aus, worum es sich inhaltlich drehen könnte: im Lateinischen meint solidus,a,um „fest“. Auf die Architektur bezogen meint es den Sockel, auf dem das Gebäude steht. Bei Solidarität geht es also um das, was eine Gesellschaft festigt oder zusammenhält; um das, worauf sie errichtet ist.Es wäre falsch zu behaupten, dass sich der Begriff derzeit übermäßiger Beliebtheit erfreut. Das hat wohl auch damit zu tun, dass er einerseits als wohlfeiler Kampfbegriff (Solidarität mit Nicaragua!) inflationär gebraucht worden ist, andererseits die Konjunktur der Identitäten die Vorstellung einer durch Klassenunterschiede strukturierten Gesellschaft abgelöst hat. Man solidarisiert sich noch entlang intersektional verlegter Leitplanken, aber „Gesellschaft“ (im Gegensatz zu „Gemeinschaft“) als politisches Handeln motivierender Zentralbegriff ist weitgehend aus dem Blick geraten. Wie sich die Gesellschaft diversifiziert, diversifiziert sich das Solidaritätsgeschehen. Die Welt ist zu kompliziert geworden, als dass man sich noch mit irgendeinem Club, und präsentiere er sich als noch so honett, in seiner Gesamtheit solidarisch erklären wollte.
Und zugleich ist es ja nicht so, dass „Solidarität“ ein durchweg positiver Begriff wäre. Denn nicht nur gute Menschen fordern sie ein, und nicht jede festgeformte Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Freiheit. Wohl eher im Gegenteil: Wo politische Akteure stramme Leitbilder und in Stein gemeißelte Wahrheiten zur Grundlage ihres Handelns machen und den Bürger*innen in der Zwangsjacke verordneter Solidarität die Luft knapp wird, dort geht es meist gewalthafter und unmenschlicher zu als in Gesellschaften, die sich die Notwendigkeit des Zweifels, die Freiheit des Wandels und die Möglichkeit von Fehlern ein- und zugestehen. Also eher wackelig auf ihren Fundamenten stehen…
Dennoch: Es wird gegenwärtig, und man ist versucht zu sagen: global, eine politische Strategie der Spaltung, der Polarisierung, der Entsolidarisierung betrieben, die es angeraten erscheinen lässt, der angestaubten Solidarität noch einmal Aufmerksamkeit zu schenken. Wie wäre ein sinnvoller Begriff von Solidarität denkbar?
Ein Werkzeug zur Annäherung an das Ideal der Gleichheit
Man hat ihn gelegentlich mit Vorstellungen der Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit oder der Freundschaft verbunden. Oder ihn von Vorstellungen der Mildtätigkeit und der Tugend der Barmherzigkeit abgeleitet. Doch all diese Verbindungen und Herleitungen haben Schwächen: Die Parallelen mit Bruder und Schwester implizieren familienähnliche Bande oder Verwandtschaften. Doch die Vorstellung, dass Gesellschaften gewissermaßen nur vergrößerte Versionen von Familien seien, war immer schon ein intellektueller Kurzschluss, der zum Blackout führte. Freundschaft wiederum ist an Sympathie und Empathie gekoppelt, und die Mildtätigkeit impliziert ein Machtgefälle: Mich solidarisch mit jenen zu zeigen, die schwächer und bedürftiger sind als ich, ist mir dann möglich, wenn ich mich bestimmter Privilegien erfreue, die anderen versagt sind. Solidarität zementiert dann als pseudonetter Paternalismus vorhandene Machtunterschiede, statt sie zu beseitigen. Was aber, wenn ich Solidarität einerseits als Ergebnis von „Individuierung durch Vergesellschaftung" (Habermas) verstehe und andererseits Gleichheit nicht als Voraussetzung, sondern als Ziel von Solidarität verstehe?Individuierung durch Vergesellschaftung weist daraufhin, dass das Individuum nur in Verklammerung mit der Gesellschaft existiert, mit der und gegen die es sich konstituiert. Es ist, was es ist, als sozialisiertes Wesen. Wenn man es etwas aufgedonnert formulieren will: Meine Solidarität mit Gesellschaft und ihren Mitgliedern ist in gewisser Hinsicht Solidarität mit mir selbst. Und zwar als einer Vielheit (wie Whitman schreibt: „I am large; I contain multitudes“); mit dem, was ich durch meine Sozialisierung geworden bin, und mit dem, was ich als den Wert eines guten Lebens in dieser Gesellschaft ansehe. Zum Ziel der Solidarität erkläre ich meine Gleichheit mit all jenen, die wie auch ich in dieser Gesellschaft zu Individuen wurden; d.h. aber: zu Anderen.
Darüber hinaus: wenn man Individuierung durch Vergesellschaftung als Individuierung in der Weltgesellschaft versteht, in der wir mittlerweile leben, ist der Prüfstein dessen, was Solidarität heißt, Solidarität mit den Unbekannten, den fernen Fremden, die wir nicht kennen, von denen wir aber wissen, dass sie – als Verschiedene – so sind wie wir. Solidarität ist kein hehres Ideal, sondern viel einfacher ein Werkzeug zur Annäherung an ein Ideal, an das Ideal der Gleichheit. Um dieses Werkzeug handhaben zu können, bedarf es der Bereitschaft zur Perspektivumkehr und der Fähigkeit zu Perspektivüberlagerung und Doppelbelichtung. Man sieht besser, wenn man doppeltsieht…
Empfohlene Literatur
Zur Einführung: Kurt Bayertz (Hg.), Solidarität. Begriff und Problem, Frankfurt am Main 1998.
Jürgen Habermas, „Individuierung durch Vergesellschaftung“, in ders., Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt am Main 1988, S. 187-24.
Und aktuell: David D. Kim, Arendt’s Solidarity, Standford 2024.