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Interview
Bilder aus den Stasi-Archiven

Aus einem Verkleidungsseminar: Bilder aus den Stasi-Archiven
Bilder aus den Stasi-Archiven | Quelle: BStU

Das Thema der Überwachung in der DDR wird seit Jahren breit diskutiert. Bei einer intensiven Auseinandersetzung mit diesem Bereich muss man jedoch feststellen, dass nur sehr wenig Bildmaterial zugänglich ist, welches den Akt des Überwachens aus dem Blickwinkel des Überwachenden zeigt.
 

Von Tomáš Moravec

Der Künstler Simon Menner (geb. 1978 in Emmendingen) hatte über einen Zeitraum von zwei Jahren die Möglichkeit, im Archiv der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), welche heute die Akten der Stasi verwaltet, nach Teilen einer visuellen Hinterlassenschaft dieses Geheimdiensts zu recherchieren. Von den rund 2 000 000 Fotografien hat er sich 30 000—40 000 angeschaut.

Entstanden daraus ist eine beeindruckende Kollektion von großformatigen Fotos, die einen Einblick in die Archive des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) ermöglichen. Dank Aufnahmen, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben sollten, erschließt sich dem Betrachter die bizarre, beängstigende und manchmal sogar auf tragische Weise witzige Welt der ostdeutschen Geheimdienste. Die Fotos zeigen uns echte Geheimagenten, die sich mit Perücken und künstlichen Schnurrbärten verkleiden, den Nahkampf ausüben, feiern oder sich selbst fotografieren. Sie zeigt uns auch die Objekte der Observation: Fußgänger, Menschen an Briefkasten, Wohnungen vor und während der Durchsuchungen und viel mehr.

Im Gespräch mit Simon Menner

Simon Menner in der Sauna der ehemaligen DDR-Botschaft in Prag (Heute das Gebäude des Goethe-Instituts in Tschechien)

Simon Menner in der Sauna der ehemaligen DDR-Botschaft in Prag (Heute das Gebäude des Goethe-Instituts in Tschechien) | Foto: Pavlína Jáchimová, 2014

Lieber Herr Menner, wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, Ihre Kunst mit Stasi zu verbinden?

Als Künstler beschäftige ich mich sehr mit der Frage, wie Bilder instrumentalisiert werden. Sei es in der Werbung, in der Propaganda, der Kriegsführung oder in der medialen Berichterstattung. Bei meiner ganzen Recherche stolperte ich dann fast schon zufällig auf den wahren Schatz, den die Stasi hinterlassen hat. Und ich fand auch offene Türen im heute zuständigen Archiv.

Was für ein Gefühl ist das, die alten Schachteln zu öffnen, die wahrscheinlich für immer geschlossen bleiben sollten?

Es war schon sehr befremdlich, wenn ich auf Bilder gestoßen bin, bei denen die Stasi Mitarbeiter noch versucht hatten diese zu vernichten. Wären die Dinge mehr im Sinne der Stasi verlaufen, so hätte man alles vernichtet. Dabei wird die Absurdität der Zeit noch klarer, wenn es sich bei den Bildern, die jemand zerrissen hatte, um ganz unbedeutendes Material handelte. Aber es gab auch immer wieder Bilder, die einem den Schauer über den Rücken jagen, da einem plötzlich doch der ganze Schrecken der Stasi vor Augen geführt wird.

Gibt es zwischen den Aufnahmen auch einige, die Sie selbst überraschend, erschreckend, abstoßend oder völlig bizarr finden?

Überraschend fand ich viel. Überraschend im Sinne, dass ich niemals damit gerechnet hätte so etwas zu finden. Wer hätte schon erwartet, dass hochrangige Agenten ein Kostümfest veranstalten, bei dem man sich als Oppositionelle verkleidet?

Aber es gab auch Bilder, deren Schrecken mich bis heute nicht so recht loslässt, Bilder, die auf der Oberfläche erst einmal ganz harmlos erscheinen. Ganz zentral ist für mich das Bild eines ungemachten Bettes. Dieses Bild, ein Polaroid, entstand im Zuge einer heimlichen Wohnungsdurchsuchung. Die Bewohner solcher Wohnungen sollten niemals erfahren, dass ihre Wohnung durchsucht worden war. Also wurden die Stasi Agenten zu Einbrechern. Bevor jede noch so private Ecke durchwühlten, fertigten sie Sofortbilder an, um im Anschluss an die Durchsuchung alles wieder in den Originalzustand bringen zu können. Das Bild des ungemachten Bettes ist also eines, welches das Bett vor dessen gründlicher Durchsuchung zeigt. Ganz schrecklich. Wie viele Bilder haben Sie sich denn eigentlich angeschaut und nach welchem Muster haben Sie die Ausstellungstücke ausgewählt?

Ich weiß nicht so recht. Vielleicht 30 000—40 000. Ich habe aber doch nur an der Oberfläche gekratzt. Letztendlich habe ich das Material in drei Kategorien unterteilt. Wie wird man ein Spion? Wie sieht es aus, wenn man das Gelernte anwendet? Und welche Bilder machte die Stasi von sich selbst?

Sie haben die bizarre Bilder zuerst im Deutschland gezeigt: was haben Sie davon erwartet und wie waren die Reaktionen?

Positiver als gedacht. Ich hätte eigentlich mit mehr Kritik gerechnet, gerade da ich diese Bilder etwas aus dem geschichtlichen Kontext heraus löse und zudem Bilder zeige, bei denen das Bild ein Teil des damaligen Unrechts sind. Aber generell war die Reaktion sehr positiv. Unterschiede gab es von Generation zu Generation. Personen, die zur Zeit des Mauerfalls noch jünger waren, konnten sehr gut auch über die Absurdität lachen. Dieses Lachen blieb aber in der Regel im Hals stecken, wenn bewusst wurde, dass diese Bilder authentisch sind. Etwas älteren Personen wollte das Lachen aber häufig erst gar nicht so recht

Macht macht arrogant und ich glaube dabei spielt es keine Rolle ob man Kapitalist ist oder Kommunist.

Simon Menner

über die Lippen kommen.

Denken Sie, dass die Grundidee von TOP SECRET nationalweise übertragbar ist?

Ja, dieses Projekt ließe sich fast überall neu umsetzen. Anders und manchmal kleiner, aber ich vermute, dass die Nationalität oder politische Ausrichtung der Agenten kaum Spuren bei der Arbeit der Agenten hinterlässt. Macht macht arrogant und ich glaube dabei spielt es keine Rolle ob man Kapitalist ist oder Kommunist. Ganz besonders faszinierend wäre natürlich der Blick auf beide Seiten des Eisernen Vorhangs, aber hier fehlt im Westen ganz klar der politische Wille.
 

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