Rosinenpicker | Literatur
Ein Mitläufer-Roman

In ihrem aktuellen Roman schreibt Nora Bossong über das Leben der überzeugten Nationalsozialistin Magda Goebbels, allerdings aus der Sicht eines homosexuellen Mitläufers.
Von Holger Moos
Magda Goebbels, die Ehefrau des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels, ist berühmt-berüchtigt. Die NS-Propaganda hatte sie zur Übermutter stilisiert. Die Namen der sechs Kinder dieser Ehe begannen alle mit dem Buchstaben H – eine Ehrbekundung an Adolf Hitler, der Trauzeuge des Paares war. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs beging sie im so genannten Führerbunker gemeinsam mit ihrem Mann Suizid. Grausam und unerbittlich war sie auch gegenüber ihren sechs minderjährigen Kindern, die sie kurz zuvor vergiftete, weil sie „zu schade für das nach uns kommende Leben“ seien, wie sie in einem hinterlassenen Brief an ihren Sohn aus erster Ehe schrieb.
Nora Bossongs Roman Reichskanzlerplatz folgt zwar der Lebensgeschichte von Magda Behrend, die zunächst Magda Quandt hieß, bevor sie zu Magda Goebbels wurde. Doch bei Bossong ist nicht sie die Hauptfigur. Die Autorin bedient sich eines erzählerischen Kniffs, indem sie eine historische Figur „erfindet“ und ins Zentrum der Geschichte stellt.
Diese Figur ist angelehnt an einen Studenten der Rechtswissenschaften, über den wenig bekannt ist. Mit ihm hatte Magda während ihrer unglücklichen Ehe mit dem 20 Jahre älteren Industriellen Günther Quandt ein Verhältnis. Im Roman heißt dieser Student Hans Kesselbach und ist der Sohn eines Offiziers und Kriegsinvaliden. In der Schule begegnet Hans Magdas Stiefsohn Hellmut Quandt, zu dem er eine homoerotische Neigung entwickelt. Hellmut ist seine große – und tragische Liebe. Denn dieser ist seiner nur sieben Jahre älteren und sehr schönen Stiefmutter Magda verfallen und stirbt früh.
Kein eigener Kern
Hans ist ebenfalls fasziniert von Magda. Sie stammt als Tochter eines unverheirateten Dienstmädchens aus ärmlichen Verhältnissen, wird im Alter von 7 Jahren von einem jüdischen Kaufmann adoptiert und wuchs auf diesem Wege in bürgerlichen Verhältnissen auf. Nichtsdestotrotz tut sie später alles, um ihrer ursprünglichen sozialen Herkunft zu entkommen. Hans beobachtet einmal: „Dass ihre Vergangenheit sie ängstigte, auch das war nicht ungewöhnlich bei einer Frau, die in ein Milieu hineingeheiratet hatte, das über jenem lag, aus dem sie stammte.“ Überhaupt stellt Hans in dem Roman viele Überlegungen über Magda an, vielleicht gerade, weil sie für ihn rätselhaft bleibt. Manchmal scheint es ihm, „als hätte sie gar keinen eigenen Kern“.Nach Hellmuts Tod stürzt sich Hans zunächst in wilde Sexabenteuer im Berliner Tiergarten, um seine Trauer zu verdrängen. Er beginnt dann die Affäre mit Magda, die zur ihrer Scheidung von Quandt führt. Magda wird gut alimentiert. Sie lebt in einer herrschaftlichen Wohnung am titelgebenden Reichskanzlerplatz, der heute Theodor-Heuß-Platz heißt und während der Zeit des Nationalsozialismus den Namen Adolf-Hitler-Platz trug. Dort veranstaltet sie musikalische Salons, in denen auch die Nazi-Größen verkehren.
Die schnell vergessene Demokratie
Hans weiß, dass er für Magda nur eine „Ablenkung“ ist: „Sie suchte etwas Unbedingtes, etwas, woran sie endlich glauben konnte.“ Damit ist die NS-Ideologie gemeint. 1931 heiratet sie Joseph Goebbels. Der pflegt freilich zahlreiche Liebschaften, was Magda in Depressionen stürzt und zum Alkohol greifen lässt. Von da an verläuft Magdas Leben unabhängig von Hans‘ Karriere, der als Diplomat nach Italien geht, später in die Schweiz umsiedelt. Die beiden treffen sich nur noch gelegentlich, sie weiß um seine Homosexualität, lässt ihn aber nicht auffliegen.Einmal, als Hans einen alten Freund in der Schweiz besuchen will, trifft er dort den SPD-Politiker Otto Braun. Dieser war zuletzt von 1925 bis 1932 preußischer Ministerpräsident und flüchtete bereits kurz nach der Machtüberhame der Nazis im März 1933 aus Deutschland, weil er um sein Leben fürchtete. Braun tritt im Roman als Hobbygärtner in Erscheinung und stellt desillusioniert fest: „Die Deutschen haben die Demokratie so schnell vergessen wie eine Vokabel aus ihrer Schulzeit.“
Hätten wir anders gehandelt?
Es wäre ein Leichtes gewesen, die Figur der Magda Goebbels als skrupelloses Monster darzustellen, doch darum geht es Bossong nicht. Sie nutzt sie vielmehr als Projektionsfläche in doppelter Hinsicht – einerseits, um exemplarisch vom Niedergang der Weimarer Republik und dem Aufstieg der Nationalsozialisten zu erzählen. Andererseits spiegelt Nora Bossong Magdas Lebensgeschichte in der von Hans. Dieser ist ein phlegmatischer und grüblerischer, letztlich aber opportunistischer Mitläufer und eine notwendige Ergänzung zum Phänomen Magda Goebbels. Denn das NS-Regime brauchte neben den Überzeugungstäter*innen die zahlreichen Mitläufer*innen, die sich in einer Mischung aus Angst, Eigennutz und Verdrängung anpassten.Reichskanzlerplatz ist also „kein Schlüsselloch-Roman“ über Magda Goebbels, wie die Jury der SWR Bestenliste im Oktober 2024 ganz richtig feststellt, sondern zeigt die Verstrickungen von Menschen in ein unmenschliches politisches System. Der Roman wird aus der Perspektive eines „mittelmäßigen“ Menschen erzählt, der sich durchaus die Frage stellt, ob er nicht anders hätte handeln, Magda gar hätte retten können. Da drängen sich auch den Lesenden Fragen auf. „Das sind Fragen, die wir uns stellen müssen. Und wir müssen uns auch fragen, ob wir selbst in dieser Situation wirklich so anders gehandelt hätten, wie viele das gern behaupten“, sagt Bossong in einem Interview.
Berlin: Suhrkamp, 2024. 296 S.
ISBN: 978-3-518-43190-0
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