Von den blühenden Feldern bei Zálúčí bis zum „Waldlabor“ in Křtiny – wir verfolgen die Geschichten von Menschen, die mit ihren Projekten unsere Landschaft umgestalten. Sie zeigen, dass Adaption nicht nur ein Kampf ums Überleben sein muss. Sie kann auch eine Gelegenheit sein, Natur, Technologie und menschliche Kreativität wieder miteinander zu verbinden. Die globale Erwärmung ist bei diesen Projekten nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Gelegenheit, eine nachhaltige Welt zu gestalten.
Der Klimawandel ist längst nicht mehr nur eine ferne Bedrohung, sondern eine Realität, die das Leben von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt beeinflusst. Extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Rekorddürren, Hurrikane und Überschwemmungen werden immer häufiger. Der steigende Meeresspiegel bedroht Küstenstädte; Wassermangel und Bodendegradation verschlechtern die Ernährungssicherheit in ohnehin schon anfälligen Regionen und Trockenheit erleben wir auch in der Tschechischen Republik am eigenen Leib. Der Verlust von Biodiversität – ausgelöst durch Waldrodungen und Veränderungen im Ökosystem – schwächt die natürlichen Schutzmechanismen des Planeten. Diese Realität zeigt, wie dringend eine Adaption nötig ist – ein oftmals inspirierender und innovativer Prozess, der nicht nur eine Reaktion auf die aktuellen Auswirkungen ist, sondern auch eine Vorbereitung auf die uns noch bevorstehenden.Wenn das Leben in die Landschaft zurückkehrt
Als der Naturforscher Martin Smetana zum ersten Mal um die ausgedehnten Felder in Zálúčí u Blatničky in Südmähren ging, lag vor ihm nur eine einförmige, von der Feldwirtschaft intensiv genutzte Ackerfläche mit Spuren von Wasser- und Winderosion. Die Landschaft war still, als gäbe es dort kein Leben. Diesen Ort konnte er sich auch anders vorstellen: „Als sich die Möglichkeit bot, diese Grundstücke zu kaufen, sagte ich mir: jetzt ist die Gelegenheit da, etwas zu tun, nicht nur in der Kneipe herumzunörgeln, sondern eine echte Veränderung in der Landschaft zu schaffen“, sagt Smetana, der heute Landwirt ist. „Hier wurden artenreiche Wiesenmischungen gesät. Schon im ersten Jahr konnte man sehen, wie das Leben zurückkehrt. In der Umgebung sind nun Lerchen zu hören. Nicht weit von hier nisten Kiebitze.“ Wo früher eine Monokultur war, pflanzte er Dornenhecken, tiefwurzelnde Eichen, Birnenalleen, Haine und wild blühende Sträucher, die heute ein Zufluchtsort für Vögel, Bienen und andere Insektenarten sind. Mit seiner Arbeit inspiriert Smetana zudem auch andere Landwirt*innen und Gemeinden.
Martin Smetana auf einem Feld in Zálúčí bei Blatnička. | Foto: © Vojta Herout via Adapterra Awards
Die Auswirkungen des Klimawandels bekommt nicht nur der Boden, sondern auch der Wald zu spüren – wohl jeder kennt das Bild von Fichtenmonokulturen, die aufgrund von Trockenheit und Borkenkäferbefall zerfallen. An vielen Orten in Tschechien sehen wir statt Wäldern großflächige Kahlschläge. Es stellt sich daher die Frage, wie man in Zeiten des Klimawandels die Wälder bewirtschaften soll. Zu den Vorreitern der neuen adaptiven Bewirtschaftungsmodellen gehört der Schulwaldbetrieb Masaryk-Wald in Křtiny. Bei den regelmäßigen Rundgängen und Exkursionen inspiriert der Wald nicht nur die Studierenden der Mendel-Universität in Brno, zu der er gehört, sondern auch Förster*innen und Forstverwalter*innen, die aus allen Ecken des Landes und sogar aus dem Ausland auf der Suche nach Inspiration hierhinkommen.
Das neueste Model, das der Betrieb erprobt, ist der sogenannte Free-Style. Die Förster*innen versuchen beim Abbau so viel Vielfalt wie möglich zu erhalten – die unterschiedlichen Baumarten haben ein unterschiedliches Alter, eine unterschiedliche Höhe und wachsen in unterschiedlichen Abständen. Auch auf diese Weise können Wälder widerstandsfähiger werden. Die Bäume bilden ein Licht- und Schattenmosaik, wir können hier alle Altersphasen des Waldes sehen, die ganze „Waldfamilie“. Jeder Baum und jeder Quadratmeter sind einzigartig, was einen markanten Unterschied zu den Fichtenmonokulturen darstellt, die eher an ein Feld mit Reihen erinnern als an einen Wald.
Offen sein für Neues
„Der Schulwaldbetrieb ist hier dazu da, um neue Wege zu beschreiten, das war schon immer so. Wir funktionieren als Waldlabor und erforschen, wie man am schnellsten die aktuellen Waldbestände so adaptieren kann, dass sie physiologisch und mechanisch imstande sind, dem Klimawandel Widerstand zu leisten. Wir wollen zeigen, dass es auch direkt im Terrain anders geht“, sagt Tomáš Vrška, Direktor des Betriebs, der hier seit 2019 die Vision verfolgt, Wälder für den Klimawandel zu adaptieren.
Schulwaldbetrieb Masaryk-Wald in Křtiny und sein Direktor Tomáš Vrška. | Foto: © Školní lesní podnik Masarykův les Křtiny
Was ist ihm zufolge das Wesentliche, um diese Vision zu erfüllen? „Man muss offen sein für Neues. Wir wollen, dass Förster in die Zukunft blicken können, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über das sich verändernde Klima arbeiten, von den praktischen Erfahrungen der Vergangenheit profitieren, aber auch in der Lage sind, sich von den nicht tragfähigen Erfahrungen zu lösen“, erklärt er. „Geduld ist auch für den Wald von entscheidender Bedeutung. Man soll nichts überstürzen, sondern sich für eine Richtung entscheiden und sich dann an diese konsequent halten. Die Zeit wird immer schneller, doch der Wald wächst immer noch mit der gleichen Geschwindigkeit“, fügt Vrška hinzu. Anders als die Landwirt*innen werden die Förster*innen die Ergebnisse ihrer Bemühungen nicht mehr zu ihren Lebzeiten sehen. Das kann eine mentale Herausforderung sein und viele Förster*innen können Vrška zufolge Angst haben, von bereits ausgetretenen Pfaden abzuweichen. „So wie wir uns der Wälder erfreuen, die noch zur Zeit der Liechtensteiner Dynastie angelegt wurden, werden hoffentlich auch unsere Enkel einmal sagen können: das sind schöne Wälder. Ich bezeichne das als ,moralisches Axiom des Forstwesens‘. Ohne diese Haltung könnte ich es nicht tun.“
Adaption als Herausforderung
Im Gegensatz zur Mitigation, die darauf abzielt, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren und den Klimawandel zu verlangsamen, konzentriert sich die Adaption auf die Anpassung des Lebens und der Infrastruktur an die neuen Bedingungen. Funktionale Beispiele für die Adaption in der Tschechischen Republik werden bereits seit einigen Jahren im Wettbewerb Adapterra Awards von der Nadace Partnerství (Stiftung Partnerschaft) prämiert. Und das nicht nur in der Kategorie Landschaft, sondern auch in der Kategorie Bebaute Flächen und Gebäude. Dutzende Realisierungen zeigen, welche Lösungen wir für die Probleme finden können, die der Klimawandel mit sich bringt.Zum Beispiel setzen uns im Sommer sogenannte Wärmeinseln stark zu. Sie entstehen, wenn sich auf Oberflächen wie Asphalt, Beton oder Mauerkonstruktionen Wärme akkumuliert, die dann in die Umgebung abgestrahlt wird. Ein solcher Zustand ist für einen gesunden Menschen zwar „nur“ unangenehm, kann aber für Senioren, Kinder und chronisch Kranke ernsthafte Bedrohungen darstellen. Eine Lösung kann eine ausreichende Grünfläche sein, die zur Kühlung der Umgebung beiträgt. Und da Verdunstung eine Abkühlung bewirkt, ist eine weitere Adaptionsmaßnahme ein intelligentes Wassermanagement.

Bildungs- und Beratungszentrum Otevřená zahrada | Foto: © Otevřená zahrada (Nadace Partnerství)
Die Stiftung Partnerschaft versucht als gutes Beispiel voranzugehen – ihr Sitz, das Bildungs- und Beratungszentrum Offener Garten (Otevřená zahrada) in Brno, stellt schon seit zwölf Jahren ein Beispiel für die Verbindung verschiedener Adaptions- und Mitigationslösungen dar. Eines der visuell auffälligsten Elemente ist das sogenannte Gründach, das mit Steinkulturen, Rasenflächen und Stauden bedeckt ist. Mitarbeiter*innen oder Besucher*innen des Zentrums können an einem heißen Sommertag am eigenen Leib einen der wichtigsten Vorzüge dieses Dachtyps spüren – er trägt zur Abkühlung der Umgebung bei. Während bei einem herkömmlichen Flachdach das meiste Wasser abfließt, verdunstet bei einem begrünten Dach das Regenwasser und verbessert dadurch das lokale Mikroklima.
Instandhaltung und Optimierung des Gebäudeverbrauchs
Das Dach eines anderen Gebäudes des Zentrums ist anders gestaltet – statt Pflanzen sind auf dem Dach Photovoltaik-Paneele platziert, die ungefähr ein Viertel des Stromverbrauchs im Areal decken. Das Wasser fließt von diesem Dach in einen 30 Kubikmeter großen, unterirdischen Tank und wird für die Toilettenspülung genutzt, wodurch der Trinkwasserverbrauch reduziert wird. Ein weiteres interessantes Detail ist die Wurzelkläranlage von grauem Wasser, die eine ökologische Reinigung von Abwasser aus Waschbecken oder Duschen ermöglicht. Die Temperatur in den Innenräumen wird im Sommer durch ein ausgeklügeltes System der Fensterbeschattungen vermindert. Die Innenräume werden auch aktiv durch effiziente Sole-Wasser-Wärmepumpen gekühlt (das heißt also durch Nutzung von Erdwärme).
Bildungs- und Beratungszentrum Otevřená zahrada | Foto: © Otevřená zahrada (Nadace Partnerství)
„Das ganze Jahr über messen und werten wir alles aus. Und zwar nicht nur den Wasser-, Strom- und Wärmeverbrauch im Areal, sondern auch den Regenwasserabfluss, die Temperatur der Dachbedeckungen nach Farbe und weiteren Parametern, und auch auf dem Gründach haben wir Temperatursensoren installiert. Die Ergebnisse dieser Messungen stellen wir dann auf unsere Webseite und auf einem im Garten angebrachten LCD-Panel vor, und wir nutzen sie auch für unsere Bildungsprogramme. Indem wir unsere Erfahrungen weitergeben, wollen wir dazu beitragen, dass Städte, Gemeinden, Firmen und Bürger sich umweltfreundlicher verhalten“, sagt Martin Čech, Spezialist für Ökologisches Bauen bei der Stiftung Partnerschaft, für die er bereits seit sechs Jahren für die Instandhaltung und Optimierung des Gebäudeverbrauchs zuständig ist.
Wesentlich ist für ihn die Ausgewogenheit der Gestaltung der einzelnen Konstruktionen und Technologien in den Gebäuden. „Adaption und Mitigation müssen Hand in Hand gehen. Es hat keinen Sinn, ein Gebäude mit Adaptionsmaßnahmen auszustatten, wenn es zur selben Zeit mit einem unwirtschaftlichen Betrieb und Energieverbrauch zu unnötig hohen Treibhausgasemissionen führt. Wenn wir hochwertige wärmeisolierende Materialien, geeignete Technologien, ein intelligentes Management und naturnahe Adaptionsmaßnahmen verwenden, können wir in den Gebäuden für die Leute ein angenehmes Umfeld schaffen, zum Beispiel was die Luft, Heizung und Beleuchtung betrifft, dazu noch mit einem geringen ökologischen Fußabdruck“, sagt Martin Čech abschließend.

Bildungs- und Beratungszentrum Otevřená zahrada | Foto: © Otevřená zahrada (Nadace Partnerství)
Adaption als Chance
Es stellt sich heraus, dass die Adaption an den Klimawandel nicht nur eine Reihe von technischen Projekten ist, sondern auch eine Chance bietet, unsere Beziehung zur Natur, zueinander und zu unserem Umgang mit den Gaben der Natur (mit einem anderen Wort: den sogenannten Ressourcen) zu überdenken. Der Klimawandel und die Notwendigkeit, sich anzupassen, führen dazu, dass wir eine Zukunft schaffen müssen, die weniger auf einem uneingeschränkten Konsum, sondern mehr auf einer Zusammenarbeit, einer Erneuerung und einer nachhaltigen Prosperität beruht.Der Schlüssel für eine solche Transformation können Innovationen sein. Von technischen über ökonomische, wie etwa die neuen Modelle von Sharing Economy, bis zu umweltfreundlich landwirtschaftlichen und industriellen Praktiken – jede neue Idee kann der Beginn eines Systemwandels sein. Eine dezentralisierte und gemeinschaftliche Energetik, die auf erneuerbaren Ressourcen aufbaut, führt uns zum Beispiel nicht nur weg von fossilen Brennstoffen, sondern stärkt auch noch die gemeinschaftliche Selbstversorgung. Ähnliche Ansätze, die auf der Kreislaufwirtschaft basieren, können Abfälle minimieren und die Art und Weise verändern, wie wir den Umgang mit Materialien wahrnehmen.
Eine Schlüsselrolle kommt auch der gesellschaftlichen Gerechtigkeit zu. Eine Adaption an den Klimawandel muss auch die Bedürfnisse vulnerabler Gruppen berücksichtigen und sicherstellen, dass die Vorteile der neuen Maßnahmen auch gleichmäßig verteilt werden. Dazu gehört auch die Unterstützung von Regionen und Gruppen, die vom Klimawandel betroffen sind, die Einbeziehung von Gemeinschaften in die Entscheidungsprozesse und die Investition in Bildung, die den Menschen ermöglicht, sich aktiv am Wandel zu beteiligen.
Diese Transformation betrifft nicht nur Menschen. Um nachhaltig zu sein, muss die ganze Lebenswelt einbezogen werden. Die Stärkung der Biodiversität, der Schutz natürlicher Ökosysteme und die Regeneration von Landschaften sind nicht nur ein Mittel der Adaption, sondern auch der Weg zu einer Erneuerung des Gleichgewichts zwischen der menschlichen Zivilisation und dem Planeten.
Die Herausforderungen sind riesig, sie reichen von technologischen bis zu ökonomischen Hindernissen, von politischen bis zu kulturellen Barrieren. Aber jedes Hindernis ist zugleich auch eine Gelegenheit zu einer Neudefinition darüber, was wir als normal ansehen. Bei der Transformation auf ein nachhaltiges Modell geht es nicht nur ums Überleben, sondern auch darum, eine Welt zu erschaffen, die gerechter, widerstandsfähiger und sinnvoller wird – für die Menschen und auch für alle anderen Lebewesen, mit denen wir uns diesen Planeten teilen.
März 2025