Ethische Aspekte von Fotoreportagen über Tiere  „Wir berichten unermüdlich von harten Schicksalen“

Fotograf*innen aus der ganzen Welt enthüllen und dokumentieren Momente und Geschichten von Tieren, die Menschen normalerweise nicht mit ihnen erleben können.
Fotograf*innen aus der ganzen Welt enthüllen und dokumentieren Momente und Geschichten von Tieren, die Menschen normalerweise nicht mit ihnen erleben können. Foto: © Ester Dobiášová

Kamel-Wrestling, Oktopusfarmen, Aquazoos mit Schwertwalen, Laborkaninchen, Auge in Auge mit einem Stier vor dem Rodeo, das Dressieren von Tigern, ein Fußboden voller Blut in Rinder- und Schweineschlachthöfen, die Schafschur oder das Kuscheln mit Ziegen auf einem Gnadenhof. All dies zeigen Fotograf*innen aus aller Welt in ihren Fotoreportagen und dokumentieren so einzelne Momente sowie ganze Geschichten von Tieren, mit denen die meisten Menschen sonst nicht in Kontakt kommen.

Als die kanadische Fotografin Jo-Anne McArthur im Jahr 1998 durch die Straßen einer kleinen Stadt in Ecuador spazierte, wurde sie Zeugin einer Szene, die ihr Leben veränderte. Auf einem Fenstersims saß ein kleines, am Fuß festgekettetes Äffchen. Wie Jo-Anne bald feststellte, war es – zur Belustigung der Passant*innen – darauf trainiert, Tourist*innen die Taschen zu leeren. Das erschien ihr nicht nur in Hinblick auf die bestohlenen Tourist*innen erniedrigend, sondern auch für das Tier selbst und für Jo-Anne. Sowohl dem Äffchen als auch den hunderten anderen Tieren in ähnlichen Situationen in den Jahren darauf konnte sie nicht anders helfen, als ihre Kamera in die Hand zu nehmen und diesen Moment der Ausbeutung festzuhalten.

Fotoreportagen über Tiere

Von diesem Moment an suchte Jo-Anne gezielt nach Tieren in ähnlich ausweglosen Situationen, um andere an ihren Schicksalen teilhaben zu lassen. Auf diese Weise wollte sie die Aufmerksamkeit auf die Geschichten dieser Geschöpfe lenken, die den Augen der Menschen oft verborgen blieben. „Die Kamera ist meine Art, meine Gefühle auszudrücken und anderen zu zeigen, was ich für wichtig halte. Ich schreibe auch über das, was ich sehe, aber Bilder berühren mich einfach – und das auch schneller als ein Essay! Aber im Ernst, meine Kamera erscheint mir oft wie eine Eintrittskarte in das Leben anderer, ich bin gern mit ihr unterwegs und lasse mich dann von ihr leiten“, so die Fotografin, die für ihre Tiergeschichten bereits mehr als sechzig Länder bereist hat.

Zwanzig Jahre später, im Jahr 2019, gründete Jo-Anne die NGO We Animals Media (WAM), die Bilder (und Videos) von Tieren aus aller Welt von mehr als hundert Fotograf*innen versammelt und anbietet. „Das Fotografien ist ein wirklich starkes Mittel, um sich für Tiere einzusetzen. Mit einem eindrucksvollen Bild ist es viel leichter jemanden im Bruchteil einer Sekunde zu fesseln, auch wenn der Anblick kein schöner ist. Und vom Bild gelangen die Leute weiter zu einem Text, zu Informationen, die Sie mit Ihnen teilen wollen“, erläutert Jo-Anne ihre Motivation.
„Ich bin dankbar, dass ich in diesen Schlachthöfen auch mit meiner Kamera willkommen war. So hatte ich die Möglichkeit, diese alles verschlingende Atmosphäre der Gewalt zu erleben. Es half mir, diese extremen Bedingungen, diese extreme Angst und diese extreme Diskrepanz zwischen Mensch und Tier zu begreifen. Ich habe wirklich mit allen dort Mitgefühl empfunden“, sagt Jo-Anne McArthur über ihre Fotografien aus Taiwan, 2019.

„Ich bin dankbar, dass ich in diesen Schlachthöfen auch mit meiner Kamera willkommen war. So hatte ich die Möglichkeit, diese alles verschlingende Atmosphäre der Gewalt zu erleben. Es half mir, diese extremen Bedingungen, diese extreme Angst und diese extreme Diskrepanz zwischen Mensch und Tier zu begreifen. Ich habe wirklich mit allen dort Mitgefühl empfunden“, sagt Jo-Anne McArthur über ihre Fotografien aus Taiwan, 2019. | Foto: © Jo-Anne McArthur via We Animals Media


Dieses neu entstehende Genre nannte Jo-Anne Tier-Fotojournalismus (englisch: Animal photojournalism). Es handelt sich dabei weder um Tierschutzfotografie, die wilde und durch den Menschen bedrohte Tierarten dokumentiert, noch um sogenannte Wild Life Fotografie. Denn die Fotograf*innen bei WAM widmen sich auch Geschichten von Tieren, die bislang unter dem Radar geblieben waren. Viele Situationen, die meist mit unterschiedlichen Formen von Leid und Tod einhergehen, spielen sich außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung ab – oft aus ökonomischen Gründen, wie im Falle der Produktion von Fleisch, Eiern, Milch oder Leder, von Medikamententests oder der Herstellung von Kosmetika. Andere haben durchaus Zeug*innen, verstecken sich aber unter dem Deckmantel von Freizeitvergnügungen.

„Die Ausbeutung von Tieren betrifft nicht nur Nutztiere – die Nutztierhaltung schadet wiederum dem Menschen, dem Planeten und der wilden Natur. Es hängt alles miteinander zusammen, die Ausbeutung ist nicht isoliert zu denken: die Probleme der Tiere sind die Probleme der Menschen“, so die slowakische Fotografin Zuzana Mit. „Studien zeigen eindeutig – die Nutztierhaltung in der Landwirtschaft ist eine der Hauptursachen für den Klimawandel, den Verlust der Artenvielfalt, die Todeszonen in den Weltmeeren, die Entwaldung und die Verschlechterung der Bodenqualität. Wenn wir Tieren schaden, schaden wir gleichzeitig uns selbst. Die Menschheit kann auch in ihrer modernsten und innovativsten Daseinsform nicht ohne die Natur und die Ökosysteme überleben – die wir kostenlos nutzen. Die Menschen müssen ihre Beziehung zu Tieren und ihren Umgang mit ihnen so schnell wie möglich überdenken. Die Massenmedien verfügen über viel Macht, sie können die Meinung der Leute beeinflussen. Deshalb ist es für unser Ziel, die Welt zu verbessern, so elementar, dass die Geschichten von Tieren ins Zentrum der Aufmerksamkeit gelangen.“
Auf dem Areal einer gigantischen Milchfarm fährt ein Lastwagen mit einer Milchverteilungsvorrichtung zwischen Reihen von tausenden Kälberboxen. Turkey Creek Dairy, Pearce, Arizona, USA, 2023.

Auf dem Areal einer gigantischen Milchfarm fährt ein Lastwagen mit einer Milchverteilungsvorrichtung zwischen Reihen von tausenden Kälberboxen. Turkey Creek Dairy, Pearce, Arizona, USA, 2023. | Foto: © Ram Daya via We Animals Media


Ähnlich wie Lukáš Vincour, tschechischer Fotograf und Gründer des Vereins Zvířata nejíme (deutsch: Wir essen keine Tiere), sieht sich auch Zuzana Mit bei ihrer Aufklärungsarbeit über sogenannte Nutztiere immer wieder mit dem Argument konfrontiert, dass die Bilder nur eine Realität im Ausland darstellen würden, aber nicht auf die Slowakei zuträfen. „Also versuchte ich, hochwertiges Bildmaterial aus der Slowakei zu verwenden – konnte aber nichts finden. Deshalb entschied ich mich, die Höfe selbst zu besuchen und vor Ort festzuhalten, wie es den Tieren dort ergeht“, erklärt sie, wie sie zur Tier-Fotografie kam. „Ich versuche allerdings immer, nicht nur die Tiere, sondern auch den größeren Kontext, in dem die Tiere leben, zu fotografieren. Anfang des Jahres fotografierte ich zum Beispiel Kälber in Einzelboxen, im Hintergrund Berge – was für mich einen gewissen Dualismus symbolisiert“, erläutert Zuzana Mit ihre Arbeit. „Ganz ähnlich beim Dokumentieren auf einer Schafsfarm: ich fotografierte eine Katze, die gerade entspannt auf einem Schemel lag und schlief, während hinter ihr die Schafe zum Melken in Reih und Glied standen. Ich mag es, mit solchen Gegensätzen zu arbeiten, ich finde, das hat etwas Poetisches“, ergänzt die Fotografin, die unter anderem durch die Ästhetik von Wes-Anderson-Filmen inspiriert wurde.

Gefühle wie im Krieg

„Jede Form des Fotojournalismus, mit dem Sie menschliches oder tierisches Leid dokumentieren, ist belastend“, räumt der polnische Fotograf Andrew Skowron im Interview mit WAM ein. „Unsere Emotionen würde ich mit denen von Fotoreporter*innen in Kriegsgebieten vergleichen. Auch wir haben unser Schlachtfeld, nur dass wir die Unterworfenen fotografieren. Mein Zorn, wenn ich Tiere leiden sehe, ermöglicht es mir, meine mitfühlenden Gedanken beiseite zu schieben; das bedeutet nicht, dass die Empathie verloren geht, sie ist nur unterdrückt. Wenn ich arbeite, muss ich alle unnötigen Gedanken abstellen und lernen, die Dinge mit einem unverstellten Blick zu betrachten, ohne überflüssige Emotionen. Ein weiterer Ansporn sind gesellschaftliche Veränderungen, die Gesetzgebung und die Verurteilung der Täter nach Veröffentlichung unserer Recherchen. Warum scheint es, als würde der Großteil der Bevölkerung einfach hinnehmen, was in den Betrieben und Schlachthöfen vor sich geht? Manchmal ist es eben das Einfachste, nichts zu sehen, nichts zu wissen und sich mit dem Problem nicht auseinanderzusetzen“, fügt der Fotograf hinzu, der mit seiner Kamera neben den Tierquälereien auch die Geschichten von Tieren festhielt, die von Menschen aus der vom Krieg zerstörten Ukraine gerettet wurden.
Auf einem polnischen Bahnhof trägt die junge ukrainische Geflüchtete Tatjana zwei kleine Hunde. Sie sind auf der Flucht von Charkiw nach Spanien. Krakau Hauptbahnhof, Krakau, Polen, 2022.

Auf einem polnischen Bahnhof trägt die junge ukrainische Geflüchtete Tatjana zwei kleine Hunde. Sie sind auf der Flucht von Charkiw nach Spanien. Krakau Hauptbahnhof, Polen, 2022. | Foto: © Andrew Skowron via We Animals Media


Auch Jo-Anne streitet nicht ab, dass ihre Arbeit psychische Herausforderungen mit sich bringt. „Durch ihren Einsatz für das Tierwohl brennen viele Leute aus, denn es ist eine schwere und langwierige Arbeit. Für die Tiere ist es wichtig, dass wir alle so lange wie möglich in diesem Bereich aktiv bleiben, also müssen wir unsere Psyche schützen. Ich empfehle auch immer gern das Buch Aftershock: Confronting Trauma in a Violent World von Pattrice Jones. Eine Anleitung für Aktivist*innen und ihre Verbündeten“, empfiehlt sie. Der mentalen Widerstandsfähigkeit widmet sich auch eines der Videos im Kurs für Tier-Fotojournalismus MasterClass.

Fühlende Lebewesen

Obwohl der Tier-Fotojournalismus ein relativ neues Genre ist, wurden diese Geschichten über Tiere – auch durch den Einsatz des verhältnismäßig kleinen Teams von We Animals Media und die Professionalität der Fotograf*innen – bereits in bedeutenden Fotografiewettbewerben ausgezeichnet. Zudem sind die Aufnahmen heute in Tierschutzkampagnen der Organisationen Animals Asia, Anima International, The Humane League oder Sea Shepherd sowie in international führenden Medien wie The Guardian, The Washington Post, National Geographic und Huffpost zu sehen.
Hoffnung in einem abgebrannten Wald. Ein Östliches Graues Riesenkänguru und sein Junges überlebten die Waldbrände in Mallacoota im Bundesstaat Victoria, der von den Buschbränden besonders betroffen war. Wie sich herausstellte, wurden in der Saison, während der dieses Foto enstand, durch die Brände mehr als drei Milliarden Tiere getötet oder vertrieben. Australien, 2020.

Hoffnung in einem abgebrannten Wald. Ein Östliches Graues Riesenkänguru und sein Junges überlebten die Waldbrände in Mallacoota im Bundesstaat Victoria, der von den Buschbränden besonders betroffen war. Wie sich herausstellte, wurden in der Saison, während der dieses Foto enstand, durch die Brände mehr als drei Milliarden Tiere getötet oder vertrieben. Australien, 2020. | Foto: © Jo-Anne McArthur via We Animals Media


Den Schicksalen von Tieren in ihrem Zusammenleben mit Menschen widmen sich auch weltweit führende Fotograf*innen wie etwa Nick Brandt, der sich damit auseinandersetzt wie sich Umweltzerstörung und Klimakatastrophe nicht nur auf die Tiere, sondern auch auf die Menschen auswirken. Im Gegensatz zu den Fotoreportagen von We Animals Media sind seine Fotografien inszeniert, ihr Aussagegehalt wird dadurch jedoch nicht weniger stark. Im Interview mit Jo-Anne erinnert er sich daran, wie ihn einmal ein Schriftsteller und Kritiker frage, ob es überhaupt möglich sei, Porträtaufnahmen von Tieren zu machen. Er reagierte völlig perplex. Porträtaufnahmen von Tieren seien für ihn ähnlich wie die von Menschen, „denn beide sind fühlende Wesen und deshalb macht es mich keinerlei Unterschied, außer dass man Tieren beim Fotografieren keine Anweisungen geben kann“, so Brandt.

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