Kampf um die Demokratie in Georgien  „Das ist die letzte Chance“

Zwei Demonstrantinnen sitzen auf der Treppe vor dem georgischen Parlament in Tbilissi. Seit Anfang Dezember demonstrieren täglich tausende Menschen gegen das Wahlergebnis der von Manipulationsvorwürfen überschatteten Parlamentswahl.
Zwei Demonstrantinnen sitzen auf der Treppe vor dem georgischen Parlament in Tbilissi. Seit Anfang Dezember demonstrieren täglich tausende Menschen gegen das Wahlergebnis der von Manipulationsvorwürfen überschatteten Parlamentswahl. Foto: © Sitara Thalia Ambrosio

In Georgien kämpfen viele Menschen um die Demokratie, eine Annäherung an die EU und für ihre individuelle Zukunft. Seit den von Manipulationsvorwürfen überschatteten Parlamentswahlen im Oktober 2024 gehen vor allem in der georgischen Hauptstadt Tbilissi regelmäßig Tausende auf die Straße. Teils kommt es zu massiver Polizeigewalt gegen Demonstrierende und Journalist*innen. Eine neue Stufe der Eskalation, doch Repressionen sieht sich die Pro-Europäische Bewegung schon länger ausgesetzt. Wer sind die Protestierenden und was hilft ihnen, nicht aufzugeben? Im Gespräch mit der Aktivistin Ana Sikhashvili, dem Journalist Aleksandre Keshelashvili und der Transfrau Sani Morizstein.

Manche in Georgien nennen die Südkaukasus-Republik den „Balkon Europas“. Einer, der das garantiert anders sieht, dürfte der russische Präsident Wladimir Putin sein, der hier am liebsten seinen ganz eigenen Vorgarten hätte. Als ich in Tbilissi, der Hauptstadt, ankomme, ist es bereits Nacht und noch dazu klirrend kalt. Ich steige in eines der zahllosen Taxis am Flughafen. Die ganze Stadt ist im Ausnahmezustand. Wegen der anhaltenden Massenproteste ist es nicht ganz einfach, überhaupt mit dem Auto in die Innenstadt zu gelangen. Oft bilden sich kilometerlange Staus. Mein Fahrer, ein älterer Herr, erklärt mir in gebrochenem Englisch, dass er die Proteste trotzdem unterstützt. „Wenige Menschen wollen noch etwas mit Russland haben“, erzählt er sichtlich wütend.

Auch in dieser Nacht protestieren wieder Tausende vor dem Parlamentsgebäude auf der großen Einkaufsstraße Rustawelis Gamsiri. Einige zünden Kerzen an. Andere hämmern mit Pflastersteinen unermüdlich auf die Metallabsperrung, mit der das gesamte Parlamentsgebäude umstellt wurde. Es sieht aus wie eine metallene Burg. Die Wut, Frustration aber auch die Verzweiflung der Demonstrierenden ist spürbar. Ihnen gegenüber steht die Polizei.
 
Pro-europäische Demonstration vor dem georgischen Parlament im Dezember 2024

Pro-europäische Demonstration vor dem georgischen Parlament im Dezember 2024 | Foto: © Sitara Thalia Ambrosio


Seit den Parlamentswahlen im Oktober, halten die täglichen Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmer*innen an. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Anfang Dezember richteten diese mehrere Wasserwerfer gegen den friedlichen Protest. Daraufhin feuerten Demonstrierende Feuerwerksraketen auf die Polizei und das Parlamentsgebäude. Dutzende Demonstrant*innen werden verletzt und Hunderte festgenommen.

Die Opposition wirft dem Regierungslager Wahlbetrug vor und fordert Neuwahlen. Auch internationale Beobachter der OSZE äußerten Zweifel am offiziellen Ergebnis. Sie sprechen von erheblichen Unregelmäßigkeiten. Konkret: Es seien fremde Stimmzettel ausgefüllt, Wähler*innen bestochen und durch Gewalt in der Nähe von Wahllokalen eingeschüchtert worden. Die in einer von der Opposition boykottierten Wahl am 14. Dezember 2024 abgewählte Präsidentin Salome Surabischwili erkennt das offizielle Wahlergebnis nicht an und sieht sich weiterhin als legitimes Staatsoberhaupt. Die oppositionellen Abgeordneten nehmen ihre Mandate derzeit nicht wahr. Anfang Dezember, kurz nach Verkündung des Ergebnisses der Parlamentswahlen und dem Beginn der Massenproteste, durchsuchte die Polizei die Büros der Opposition und verhaftete Kritiker*innen. Ein Politiker sei dabei bewusstlos geschlagen worden, berichtet die Tagesschau. Es mehren sich zudem Berichte über „maskierte Männer“, die nach den Protesten in den Seitengassen der Stadt lauern und Demonstrant*innen überfallen.
Alle von uns haben nur ein Ziel: Wir wollen unsere Demokratie zurück.“
Die Aktivistin Ana Sikhashvili
All diese Gewalt hält die Menschen nicht davon ab, sich den Protesten anzuschließen. Das gilt auch für die Aktivistin Ana Sikhashvili. Sie kommt regelmäßig zu den Pro-Europäischen Protesten. Und das nicht erst seit diesem Winter. Seit Jahren setzt sich die 22-jährige für Verbesserungen für Menschen mit Behinderung ein. Sie selbst ist als Kind durch einen Virus erblindet. Mit ihrem Blindenstock tastet sich Sikhashvili durch die kleinen verschlungenen Gassen der Stadt. Tbilissi ist wirklich lebendig. Viel Verkehr, reges Treiben und Menschen, die Schmuck, Malereien – und in diesen Tagen auch EU-Flaggen – am Straßenrand verkaufen, prägen das Stadtbild. Sikhashvili weist auf etwas hin, das viele andere Menschen womöglich gar nicht erst bemerken: Die Blindenhilfe der Ampel an der Straßenecke ist schon wieder kaputt. Etwas, mit dem die junge Aktivistin häufig im Alltag zu kämpfen hat, verrät sie mir bei unserem gemeinsamen Spaziergang. Ich hake mich unter und Sikhashvili erzählt:
 
Die Aktivistin Ana Sikhashvili (22) kämpft seit Jahren für eine Verbesserung der Situation für Menschen mit Behinderung in Georgien.

Die Aktivistin Ana Sikhashvili (22) kämpft seit Jahren für eine Verbesserung der Situation für Menschen mit Behinderung in Georgien. | Foto: © Sitara Thalia Ambrosio


„Ein Teil der Europäischen Union zu werden, ist sehr wichtig für uns alle – und ganz besonders für Menschen mit Behinderung. Die EU bietet gute Möglichkeiten. Einige Dienste für uns gäbe es ohne unsere westlichen Freunde nicht. Wie soll die Regierung das alleine schaffen? Ich meine, unsere Regierung unterstützt Menschen mit Behinderungen einfach nicht. Wir werden viele Möglichkeiten verlieren, wenn wir uns von der EU entfernen und Russland annähern. Das ist einer der Gründe, warum ich zu den Protesten gehe.“

Einige Menschen sprechen nun sogar von der letzten Chance für Georgien. Denkst du genauso?

„Das habe ich schon von verschiedenen Leuten gehört. Und ja, das ist vielleicht tatsächlich die letzte Chance. Wir haben einfach keine anderen Optionen mehr. Viele haben zu mir gesagt, dass sie das Land verlassen müssten, falls die progressiven Kräfte bei den Wahlen unterliegen. Das bedeutet also, dass wahrscheinlich viele bereits das Land verlassen haben. Kein Wunder. Ich meine, du hast es selbst gesehen: Man geht demonstrieren und wird angegriffen. Das ist doch nicht normal. Gleichzeitig sehen wir, wie die Regierung unsere Bedürfnisse ignoriert. Klar, wir kämpfen weiter. Wenn notwendig, jahrelang. Ich bin mir sicher, dass meine, die junge Generation, nicht kapitulieren wird. Der Gegner ist Russland…“

Haben die Menschen Angst vor einem erneuten Krieg mit Russland?

„Putin will sein Imperium zurück. Wir wollen nicht die nächsten sein, die ihm zum Opfer fallen. Wir haben das schon erlebt. Wir haben gesehen, wie einige unserer Gebiete besetzt wurden. Klar, historisch waren wir Teil der Sowjetunion. Aber durch Zwang. Sie haben uns 1921 überfallen. Man hat versucht, uns unsere Identität zu rauben. Unsere Kultur, unsere Geschichte – einfach alles. Dann haben wir es geschafft, unser Land zurückzubekommen. Aber es war schwierig, in Georgien zu leben, weil alles zusammengebrochen war. Die Zukunft wirkte düster, wie eine mondlose Nacht. Es gab keinen Staat. Wir hatten kein Mitspracherecht. Russland versucht, auf alle Länder in der Region hier die Hand drauf zu halten. Dabei bin überzeugt, dass Georgien noch viele Ressourcen hat, um sich zu entwickeln. Aber wir brauchen Möglichkeiten, die uns Russland nicht bietet. Nach so vielen Jahren haben wir es immer noch nicht geschafft, unser Land komplett zurückzubekommen.“

An einem Sonntagnachmittag Anfang Dezember sitze ich am Rand des Platzes gegenüber dem georgischen Parlament und beobachte Handwerker dabei, wie sie unter Polizeiaufsicht einen riesigen metallenen Tannenbaum aufbauen. Der dürfte wohl gut und gerne 20 Meter hoch sein und überragt wuchtig den Platz. Daneben sammelt sich bereits eine Gruppe Demonstrant*innen. Der Anruf eines Freundes aus der Ukraine reißt mich aus meinen Beobachtungen. Er fragt mich, wie es mir geht und ist neugierig, wie ich die Situation in Georgien einschätze. Viele Bekannte, die ich während meiner journalistischen Reisen in die Ukraine kennengelernt habe, schreiben mir Nachrichten. Sie alle blicken auf Georgien und hoffen, dass sich die pro-europäische Bewegung durchsetzen kann. Sie fühlen sich an die Anfänge des Euromaidan erinnert.

Viele Georgier*innen erzählen, sie fühlten sich der Ukraine verbunden. Immer wieder fallen mir die Ukraine-Flaggen auf. Manche sind mit Lack an Wände gesprüht.  „Fuck Putin“ steht an der Wand einer der Gassen, an denen ich täglich vorbeilaufe. Es gibt freundschaftliche Beziehungen und politische Verbindungen zur Ukraine. Ganz besonders eine: Der Krieg mit Russland. An der Front in der Ukraine kämpft auch eine georgische Legion gegen die russische Invasion. 
 
In den Straßen von Tbilissi finden sich Dutzende Graffitis, die sich solidarisch mit der Ukraine erklären.

In den Straßen von Tbilissi finden sich Dutzende Graffitis, die sich solidarisch mit der Ukraine erklären. | Foto: © Sitara Thalia Ambrosio


Zwischen den beiden Ländern gibt es eine historische Parallele: 2008 kam es in den Regionen Südossetien und Abchasien, die bereits seit den 1990er Jahren nach Unabhängigkeit beziehungsweise einer Annäherung an Russland strebten, zu Spannungen. Der georgische Staat befürchtete eine Loslösung der Gebiete und entsandte das Militär. Sofort marschierten russische Truppen ein und sprangen den Seperatist*innen zur Seite und operierten dabei auch außerhalb der beiden abtrünnigen Regionen auf georgischem Territorium. Während des fünf Tage dauernden Krieges zerstörten die russischen Truppen viele Häuser. Etwa 850 Menschen starben. Durch internationale Bemühungen wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt. Bis heute handelt es sich um einen „eingefrorenen Konflikt“. Die Angst, dass er wieder „auftauen“ und „heiß werden“ könnte, sitzt tief in den Köpfen und Herzen der Menschen. Aber die Angst bestimmt nicht über alle. 
 
Eine Gruppe Demonstrierender wärmt sich an einem Feuer, das sie auf der Straße in der Nähe des Parlaments aus Holz und Müll entfacht haben.

Eine Gruppe Demonstrierender wärmt sich an einem Feuer, das sie auf der Straße in der Nähe des Parlaments aus Holz und Müll entfacht haben. | Foto: © Sitara Thalia Ambrosio


Wie jeden Abend versammeln sich, kaum dass die Dunkelheit hereinbricht, wieder Zehntausende auf den Straßen. Am Rande der Proteste spreche ich mit einer Frau, die nur Kopfschütteln für die Protestierenden übrig hat. Sie erzählt, dass sie Frieden mit Russland wolle. Eine Annäherung an die EU würde das stören, sagt sie. Gleich danach fügt sie hinzu: „Die Ukraine wurde nur angegriffen, weil sie sich dem Westen zugewandt hat.“ Eine Deutung, die aus dem Potpourri der russischen Propaganda-Lügen stammt. Die Aussage belegt, wie stark die russische Propaganda auch in Georgien Einfluss nimmt.

Was in keinem der Propaganda Kanäle auftaucht, aber wirklich alle, die zu den Protesten gehen, beschäftigt: Es häufen sich die Fotos, Videos und Berichte von Attacken durch vermummte Männergruppen. In kleinen Seitengassen und der U-Bahn greifen sie gezielt Demonstrant*innen an und verletzen einige so schwer, dass sie in Krankenhäuser eingeliefert werden müssen. Nicht nur die Demonstrierenden trifft diese Gewalt, sondern auch Journalist*innen. Ein Video zeigt, wie die Übergriffe ablaufen: Die Reporterin des Senders TV Pirveli läuft eine Straße entlang. Auf einmal wird sie von Vermummten attackiert und brutal niedergeschlagen. Sie und ihr Kameramann werden verletzt. Die Polizei soll präsent gewesen sein, aber nur zugesehen haben.
 
Aleksandre Keshelashvili (32) ist Journalist für das Online-Portal „Publika“. Auf einer Demonstration wurde er von Polizeibeamten angegriffen und so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus musste.

Aleksandre Keshelashvili (32) ist Journalist für das Online-Portal „Publika“. Auf einer Demonstration wurde er von Polizeibeamten angegriffen und so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus musste. | Foto: © Sitara Thalia Ambrosio

 
Ich habe nur meinen Job gemacht, und sie haben mich dafür geschlagen.“
Der Journalist Aleksandre Keshelashvili
Aber nicht nur militante Kleingruppen sind eine Gefahr für Journalist*innen. Aleksandre Keshelashvili (32) berichtet für das lokale Online-Portal Publika seit mehreren Jahren über Demonstrationen. Er wurde von Polizisten attackiert und krankenhausreif geschlagen. Als ich Aleksandre treffe, sind seine äußeren Verletzungen verheilt. Wir trinken Tee in seinem Zuhause und er erzählt, was er erlebt hat:
 
„Ich war bei den Protesten und habe Videos und Fotos gemacht. Natürlich auch von Verhaftungen. An diesem Abend stand ich neben anderen Journalistinnen und Journalisten an einer Straßenecke beim Parlamentsgebäude. Ich dachte, das sei einer der sichersten Orte, weil dort alle Medien standen. Auf der anderen Seite standen die Protestierenden. Die Polizei setzte Pfefferspray ein und nahm einige fest. Hinter mir versuchte ein Demonstrant auf die Mauer des Parlaments zu klettern – die Polizei brüllte ihn an. Ich beobachtete das Geschehen. Die Person auf der Mauer stand nur da. Auf einmal rannte die Polizei los, direkt in uns, eine Gruppe von Journalisten hinein. Nach wenigen Sekunden waren wir von ihnen umringt. Ich versuchte, sie bei ihrer Arbeit nicht zu behindern, hob meine Arme und die Kamera hoch – um zu signalisieren, dass ich keine Gefahr bin. Auf einmal spürte ich, wie eine Hand mich von hinten packte und in die Polizeikette riss. Von der ersten Sekunde an schrie ich, dass ich Journalist bin. Aber es war ihnen egal. ‚Er ist ein Journalist der Motherfucker‘, sagte ein Polizist und schlug zu.“

Denkst du, das war ein gezielter Angriff, weil du als Journalist berichtest?

„Ich denke nicht, dass sie mich genau deshalb attackiert haben – aber: Sie wussten von Anfang an, dass ich Journalist bin. Ich bin auf den Boden gefallen, sie traten mir mit ihren Stiefeln ins Gesicht. Ich verlor das Bewusstsein. Sie schleppten mich in einen Polizeibus und legten mir Handschellen an. Neben mir waren noch zwei junge Männer dort. Einer war in wirklich schlechtem Zustand. Sie versuchten ihn aufzuwecken, aber er reagierte nicht. Dann waren sie in Eile, uns alle auf ihr Polizeirevier zu bringen. Ich vermute, sie hatten Angst, dass er sterben könnte. In der Wache saß ich dann über eine Stunde, mit gefesselten Händen. Ärzte dort sagten, dass sie die Blutung meiner Nase nicht stoppen konnten, und ich wurde ins Krankenhaus gebracht. Dort wurde meine Nase operiert. Ich hatte außerdem eine Gehirnerschütterung. Im Krankenhaus konnte ich einen Anwalt sprechen. Ich habe Anzeige erstattet, aber eigentlich keine Hoffnung, dass das etwas bringt. Oft glauben die Richter nur den Polizisten. Aber ich muss jeden Weg nutzen, um klarzumachen, dass ich nur meinen Job gemacht habe, und sie mich brutal verprügelt haben. Ich werde für meine Rechte kämpfen.“

Und es geht bei dem Unrecht ja nicht nur um die Gewalt, hast du gesagt.

„Für mich war glaube ich das Schmerzhafteste, all die Tage zu verpassen. Ich lag nur in meinem Bett. Davor habe ich über all die Proteste berichtet, die dort stattfanden… Es war auch ein ziemlich harter Schlag für unser Medium, weil wir einfach nicht so viele Leute sind. Wir sind unabhängig und brauchen jeden, der fit ist. Die Polizei hat mir außerdem meine Kamera vor Ort abgenommen. Jetzt behaupten sie, ich hätte sie einfach verloren und sie könnten sie leider nicht mehr finden. Sie haben sie mir einfach gestohlen. Sie waren vermummt, hatten keine Namensschilder oder Nummern, durch die ich sie identifizieren könnte. Ich könnte deshalb nicht mal sagen, wer genau mich geschlagen hat. Seit ich von den anderen Fällen gehört habe, denke ich, dass sie grünes Licht haben, uns Journalisten zu schlagen.“
 
In der Hauptstadt Georgiens Tbilissi leben fast 1,3 Millionen Menschen. Tbilissi ist damit auch die mit Abstand größte Stadt des Landes. Insgesamt hat Georgien eine Bevölkerung von knapp über 4 Millionen (einschließlich der abtrünnigen Regionen).

In der Hauptstadt Georgiens Tbilissi leben fast 1,3 Millionen Menschen. Tbilissi ist damit auch die mit Abstand größte Stadt des Landes. Insgesamt hat Georgien eine Bevölkerung von knapp über 4 Millionen (einschließlich der abtrünnigen Regionen). | Foto: © Sitara Thalia Ambrosio


Das Committee to Protect Journalists, ein internationaler Zusammenschluss von Journalist*innen, berichtet, alleine zwischen 28. November und 3. Dezember 2024 seien mindestens fünfzig Journalist*innen verletzt worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verurteilt dies und bezeichnet das Vorgehen in mehreren Fällen als Folter. „Jede Person, die auf die Polizeiwache gebracht wurde, war blutüberströmt. Etwa sieben oder acht Personen befanden sich in einem katastrophalen Zustand“, sagt der Fotograf Gela Megrelidze gegenüber der Organisation. International sorgt das für Schlagzeilen. Auch die New York Times greift die Gewalt gegen Pressevertreter*innen auf. Doch die Aufmerksamkeit für die aktuelle Eskalation darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Pressefreiheit in Georgien bereits seit Jahren leidet. Einige NGOs kämpfen für die freien Medien im Land.

Ich besuche das Büro der Media Development Foundation (MDF) und treffe Exekutivdirektorin die Tamar Kintsurashvili und Mamuka Andguladze, der für die Media Advocacy Coalition (MAC) tätig ist. Sie sammeln die Fälle der verletzten Journalist*innen. Beide malen ein düsteres Bild. Man würde auf Zustände wie Russland zusteuern, sagen sie. Schon jetzt gibt es Fälle, in denen Journalisten nicht mehr ins Land gelassen werden – selbst, wenn sie hier einen Wohnsitz haben. Die beiden erzählen von massiver Einschüchterung, der sich die freie Presse hier seit Jahren ausgesetzt sieht. Die Propaganda-Kanäle des Staates diskreditieren Journalist*innen. Und es gebe starke Indizien, dass die vermummten Männer in den Seitengassen für den Staat arbeiten, sagen beide. Sowohl Kintsurashvili als auch Andguladze üben Kritik an der EU und westlichen Organisationen: Sie fühlen sich allein gelassen. „Die Lage wird nicht richtig eingeschätzt oder ignoriert“, so Andguladze. Viele freie Medien in Georgien sind auf EU-Gelder angewiesen. Mit dem im Mai verabschiedeten Gesetz gegen „ausländische Einflussnahme“, von Kritiker*innen auch das „russische Gesetz“ genannt, ist diese Finanzierung und damit das Bestehen dieser freien Medien in Gefahr.

Im Fokus der autoritären Gesetzgebung sind aber nicht nur Medien, sondern besonders ohnehin bereits Marginalisierte. Im September 2024 beschloss die Regierungspartei Georgischer Traum das sogenannte Familienwerte-Gesetz. Es verbietet gleichgeschlechtliche Ehen, die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare und medizinische Eingriffe zur Geschlechtsangleichung untersagt werden. Es stellt zudem die „Propaganda für nicht-traditionelle Beziehungen“ unter Strafe und ähnelt damit sehr einem russischen Vorbild. Pride-Veranstaltungen und LGBTQ-Demonstrationen können demnach verboten werden. Bücher und Filme, die gleichgeschlechtliche Beziehungen zeigen, können zensiert werden. Die Regenbogenfahne zu zeigen, darf verboten werden. Viele LGBTQ-Personen hätten mittlerweile das Land verlassen, sagen mir verschiedene Menschen, die die Lage beobachten. Überprüfen lässt sich das nicht. Aber nicht nur die Legislative lehnt queere Menschen ab. Vor vier Jahren attackierten Rechtsextreme eine große Pride-Demonstration in der Hauptstadt. Dutzende wurden verletzt.

Eine, die das alles betrifft, ist Sani Morizstein (32). Sie ist in Tbilissi geboren und eine Transfrau. Auch Morizstein beteiligt sich an den Protesten – für die Gesellschaft, aber auch für ihre eigene Zukunft. Ich besuche sie in ihrer queeren Wohngemeinschaft. Gerade kehrt ihr Mitbewohner von einer Reise nach Russland zurück. Er will aus Sicherheitsgründen anonym bleiben, denn er muss immer wieder nach Russland zurückreisen – Medikamente holen. Er erzählt, wie die Polizeibeamten in Moskau ihn bei der Ausreise mehrmals fragten, ob er schon mal in der Ukraine war. Sie hätten sein Handy durchsucht und Fotos von ihm im Kleid gefunden. Ob er schwul sei, das hätten sie wissen wollen. Er und Morizstein lachen und sie fragt, ob das nicht offensichtlich sei. Die LGBTQ-Gemeinschaft ist in Tbilissi ist nicht groß. Man kennt sich, trifft sich im Nachtleben, in Clubs und Bars. Es gibt einige kleine Kneipen, die Regenbogenflaggen an ihren Fenstern hängen haben und sich solidarisieren mit einem freien Leben für queere Menschen. Noch geht das öffentlich, das könnte sich aber bald auch ändern.
 
Ein Café in der georgischen Hauptstadt Tbilissi zeigt sich solidarisch mit der LGBTQ-Bewegung und der Ukraine.

Ein Café in der georgischen Hauptstadt Tbilissi zeigt sich solidarisch mit der LGBTQ-Bewegung und der Ukraine. | Foto: © Sitara Thalia Ambrosio

 
Ich erlebe Homofeindlichkeit täglich“
Die Transfrau Sani Morizstein
„Der Krieg in der Ukraine hat hier einiges verändert. Begonnen hat es mit neuen Gesetzen: Das ‚LGBTQ-Propaganda-Gesetz‘, das ‚Ausländische-Agenten-Gesetz‘. Das schockiert mich natürlich. Mit dem Krieg in der Ukraine hat die Propaganda nochmal ganz andere Ausmaße angenommen. Ich glaube, es ist hauptsächlich die Anti-Kriegs-Erzählung, die die Leute dazu bringt, zu sagen: „Ja, der georgische Traum ist furchtbar, aber wenigstens wollen sie nicht, dass es Krieg mit Russland gibt.“

Was bedeutet es, in dieser Gesellschaft als Transfrau aufzuwachsen?

„Ich bin vielleicht ein schlechtes Beispiel einer queeren Person in Georgien, denn meine Familie ist sehr offen. Ich bin ein bisschen in einer Blase aufgewachsen. Andere machen deutlich schlechtere Erfahrungen.

Georgien ist in Teilen auch ein sehr homophobes Land, weil es so religiös geprägt ist. Allerdings weniger religiös, als die Konservativen sagen. Sie tun immer so, als wären 99 Prozent der Gesellschaft hier religiös-konservativ, aber das stimmt gar nicht. Zumindest nicht in der Stadt. Ich habe ein paar Freunde, die nicht in Tbilissi aufgewachsen sind – sie hatten oft schlimmere Bedingungen auf dem Land oder in kleineren Städten. Ich wurde bis jetzt zum Glück nie körperlich angegriffen, weil ich queer bin, aber schon ein paarmal angeschrien.“

Hast du Angst, dass sich das mit der staatlichen Anti-LGBTQ-Rhetorik ändert?

„Wir haben das Gefühl, die Stimmung auf den Straßen uns gegenüber verändert sich. Ich glaube, dass wenn die konservativen Einstellungen weiter Bestätigungen bekommen, es auf einmal akzeptiert wird, brutal und aggressiv zu sein. Freund*innen von mir wurden neulich aus einem Taxi geworfen, als sie über Politik sprachen. Vor ein paar Jahren war das völlig unvorstellbar. Auch die Rhetorik wird immer schlimmer. Als das „LGBTQ-Propaganda-Gesetz“ erlassen wurde, sagten einige Politiker, dass Queerness unser Land zerstören würde. Die gleiche Rhetorik, wie sie es auch in Russland gibt. Und die Leute wiederholen es. Queere Menschen funktionieren gut als Angstbild. Die vielleicht wirksamste Propaganda, die sie bis jetzt geschaffen haben.“

Hast du je darüber nachgedacht, das Land zu verlassen?

„Warum sollte ich gehen? Diese Leute sollten das Land verlassen! Aber ja, wäre meine Situation schlimmer, würde ich vielleicht auch gehen. Selbst mit diesem Gesetz können sie zum Glück nicht alles kontrollieren. Ich bekomme meine Hormone vom Arzt. Ich kann also einfach ein Rezept abholen – wie wollen sie das kontrollieren? Außer es wird ein totaler Faschistenstaat, wo sie zu einem kommen und fragen, warum ich zum Arzt gehe. Das wäre der Punkt zu gehen.“
 
Wie Morizstein, sagen viele Menschen mit denen ich gesprochen habe, sie wollen nicht aufgeben, haben aber auch Angst vor dem, was nun auf sie zukommen könnte. In einem belebten Café in der Innenstadt sitzt eine Gruppe junger Menschen und isst zu Abend. Sie stärken sich, bevor sie sich wieder den Protesten anschließen, erzählen sie mir. Über ihnen hängt eine große EU-Flagge. Szenen wie diese lassen sich in der ganzen Stadt beobachten. Einige Restaurants unterstützen die Proteste – kochen Essen, schmieren Brote und verteilen Tee. Man hält zusammen in diesen Zeiten. Die Clubszene hat auf unbestimmte Zeit einen Streik ausgerufen. Die Frage, wie es mit der politischen Situation in Georgien weitergeht, bleibt bis jetzt offen. Die Worte von Sikashvili, Keshelashvili und Morizstein hallen in meinem Kopf nach. Schon bald wird sich zeigen, ob die Proteste Erfolg haben. Die internationale Gemeinschaft muss die Lage genau im Blick behalten. Denn große Teile der georgischen Gesellschaft kämpfen gerade für Demokratie, ein freies Georgien, wie sie sagen. Dabei benötigen sie Unterstützung.
 
Eine Gruppe von Demonstrant*innen isst in einem Café zu Abend, oder wie sie selbst sagen: „Wir stärken uns, bevor wir wieder Protestieren gehen.“ In der Innenstadt von Tbilissi haben sich viele Restaurants und kulturelle Institutionen solidarisch mit den Protesten erklärt. Das Stadtbild ist geprägt von EU-Flaggen.

Eine Gruppe von Demonstrant*innen isst in einem Café zu Abend, oder wie sie selbst sagen: „Wir stärken uns, bevor wir wieder Protestieren gehen.“ In der Innenstadt von Tbilissi haben sich viele Restaurants und kulturelle Institutionen solidarisch mit den Protesten erklärt. Das Stadtbild ist geprägt von EU-Flaggen. | Foto: © Sitara Thalia Ambrosio

 

Diese Reportage entstand mit Unterstützung durch den ukrainischen politischen Analysten und Leiter des Institute for European Security Studies Hlib Fishchenko, der mir bei meinen Recherchen und Kontakten vor Ort geholfen hat.

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