„projekt bauhaus“
„Kann Gestaltung Gesellschaft verändern?“
Das Bauhaus wurde 1919 gegründet und 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen. Bereits vier Jahre vor dem hundertjährigen Jubiläum dieser für das 20. Jahrhundert so wegweisenden Hochschule für Kunst und Gestaltung wirft eine Initiative einen vorausschauenden Blick zurück in die Geschichte.
Es war ein Überraschungscoup: während die Institutionen, die an den historischen Standorten des Bauhauses traditionell dessen Erbe pflegen (Bauhaus-Museum Weimar, Stiftung Bauhaus Dessau, Bauhaus-Archiv Berlin), noch mit Planungen für Museumsbauten zum Jubiläum der Hochschule im Jahr 2019 beschäftigt waren, trat eine neue Initiative auf den Plan. Das „projekt bauhaus“, ein Zusammenschluss aus internationalen Gestaltern, Theoretikern und Autoren, meldete sich Anfang dieses Jahres zu Wort – unterstützt von der Architekturzeitschrift ARCH+. Ihr Plan ist, frühe Ideen des Bauhauses hinsichtlich ihrer Rezeption zu überprüfen. Bis 2019 will die Initiative jedes Jahr eine mit Gestaltung verknüpfte Frage aufwerfen und diese von Künstlern, Designern und Architekten thematisieren lassen.
Veränderung beenden

Gestaltung und Kapitalismus
Gui Bonsiepe, einst Student und Dozent der Hochschule für Gestaltung in Ulm, die 1953 im Zeichen des Bauhauses gegründet worden war, sah es nicht ganz so radikal. Zwar bringe Gestaltung die Dimension der Zukunft ins Spiel, dabei gäbe es jedoch auch rückwärtsgewandte und restaurative Veränderungen. Das in der Designforschung oft gebrauchte Schlagwort des „Design Thinking“ etwa wecke oft hochgesteckte Erwartungen. Fast schiene es, als ginge es dabei um die Rettung des Kapitalismus. Dabei sollte es doch um die Frage gehen, ob Gestaltung nicht vielmehr die Abschaffung von Unterdrückung unterstützen müsse, so Bonsiepe.Spätestens nach Bonsiepes Beitrag diskutierte man die realistischer anmutende Frage: „Können Gestalter Kapitalismus mit verändern?“ Damit zog man auch die üblichen Schlüsse aus mit dem Namen „Bauhaus“ verbundenen historischen Selbstüberschätzungen gegenüber den gestalterischen Anforderungen der Moderne. Von der utopischen Bauhaus-Idee, dass man mit dem „Neuen Bauen“ auch den „Neuen Menschen“ schaffen könnte, waren die Thesen des Symposiums also weit entfernt.
Emanzipation gestalten
Es waren die in einem selbstorganisierten, emanzipatorischen Sinn gedachten Projekte aus der gestalterischen Praxis, die die überfrachtende Ausgangsfrage wieder auf den Boden bringen konnten: die Planerin Renée Tribble und der Künstler Christoph Schäfer vom Hamburger Projekt „PlanBude“ stellten ihren erfolgreichen Versuch vor, durch direkte Bürgerbeteiligung gestalterisch in die Planung für die Bebauung eines zentralen Grundstücks in der Hamburger Innenstadt einzugreifen. Léonore Bonaccini und Xavier Fourt vom französischen „Bureau d´études“ präsentierten ihre aufwendig recherchierten Infografiken, mit denen sie Verflechtungen multinationaler Konzerne für jedermann sichtbar machen.Grenzen als Gestaltung
Der blinde Fleck des Symposiums jedoch kam erst mit der Schlussdiskussion zutage: denn während sich nur einen Kilometer entfernt tausende von Flüchtlingen unter völlig unzureichend gestalteten Bedingungen in einer Zentralbehörde als Asylbewerber zu registrieren suchten, schien – ausgerechnet im „Haus der Kulturen der Welt“ – die Ausgangsfrage eines zudem unnötig „westlich“ konzipierten Symposiums geradezu in Echtzeit zu veralten. Es war der New Yorker Architekturtheoretiker Reinhold Martin, der schließlich Kritik an einer so einfachen wie folgenschweren gestalterischen Geste übte. Denn Design von Gesellschaft, sagte Martin im Hinblick auf die Flüchtlingskrise, beginne immer schon dort, wo man mit den, auch im Bauhaus verwendeten, gestalterischen Grundelementen „Punkt“, „Linie“ und „Fläche“ Grenzen – auch solche zwischen Staaten – ziehe. Oder darauf verzichte.Zurück zum Dossier