Choreografie der Massen – Fußballstadien im Wandel


Olympiastadion in Berlin
Mit den Stadien begann der Durchbruch des Fußballs zum Massenphänomen. Die nahezu sakrale Aura eines Fußballstadions wird allerdings am deutlichsten spürbar, wenn darin gar kein Fußball gespielt wird.

Man muss nur einmal Menschen zuschauen, die ein leeres Fußballstadion besichtigen. Ehrfürchtig schauen sie die Tribünen hinauf und wagen kaum, laut zu reden. Es ist, als wären auf dem Rasen alle Triumphe und Tragödien gespeichert, die sich hier abgespielt haben, als könnte man in der Stille das Auf- und Abwogen der Menge noch als leises Echo vernehmen.

„Ein leeres Stadion strahlt eine ganz eigene Faszination aus“, findet auch Gert Kähler, einer der Kuratoren der Ausstellung Choreographie der Massen in der Berliner Akademie der Künste. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklungsgeschichte des Fußballs sowie die Wechselwirkung zwischen Stadionarchitektur und Massencharakter – von den Olympischen Spielen 1936 bis ins Internet-Zeitalter.

Seile, Bretterzäune und Tribünen

Das erste Länderspiel fand 1872 zwischen Schottland und England statt. Am Anfang war das Spiel ortlos. Die ersten Fußballer, in England ab 1863, in Deutschland ab 1888, mussten Torstangen und Eckfahnen für jede Partie mit auf den Platz schleppen. Doch sobald der Sport populärer wurde, geriet die Absperrung der Fußballplätze zur ökonomischen Notwendigkeit: Nur so konnten die Vereine Eintritt kassieren. Um das Feld gespannte Seile wurden zu Bretterzäunen, Bretterzäune zu Tribünen. Das Stadion war der Startschuss für die kommerzielle Entwicklung des Fußballs und den Durchbruch zum Massenphänomen.

Von der Freizeitbeschäftigung zum Massenphänomen

Dieser vollzog sich in Deutschland in den 1920er-Jahren. Fußball war 1910 in den Übungskanon von Infanterie und Marine aufgenommen worden; im Ersten Weltkrieg wurde das Spiel – auch durch Kontakte mit den verfeindeten Engländern – extrem populär. Nach 1918 brachten die Soldaten dann den Fußball nach Hause mit. Die Zuschauerzahlen schnellten nach oben und die großen kommunalen Stadionbauten entstanden. 1903 hatten 750 Menschen das Finale um die erste Deutsche Fußballmeisterschaft gesehen, 1923 waren es bereits 64.000. Zum wachsenden Interesse trug auch das Radio bei: Ende 1925 wurde die erste Partie live übertragen.
 
Das alte Wembley-Stadion in London, 1991.
Fußball war von einer Freizeitbeschäftigung der oberen Mittelschicht zum Massenphänomen geworden. Doch nach 1945, als auch das fußballaffine jüdische Bürgertum von den Nationalsozialisten vertrieben worden war, zog sich die Mittelschicht weitgehend aus den Stadien zurück. Sich für Fußball zu interessieren, galt in den besseren Kreisen als verpönt. Die Zuschauerzahlen waren in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg erheblich höher als heute. Die Stadien boten wenig Komfort und fast ausschließlich Stehplätze. Auf dem berühmten Foto vom englischen White-Horse-Pokalfinale 1923 versucht ein Polizist auf einem weißen Pferd vergeblich, die Menge vom Fußballfeld des Wembley-Stadions zurückzudrängen: 126.000 Fans sahen dem Spiel zu. Den Rekord hält eine Partie der WM 1950, als im Maracaña-Stadion in Rio de Janeiro 195.000 Menschen den ersten WM-Titel Brasiliens bejubeln wollten – und auf einen Schlag verstummten, als Alcides Ghiggia zum 2:1 für Uruguay traf.

Die Zähmung der Masse durch das Event

Berlin 1936, Olympische Spiele: Adolf Hitler in Begleitung des Internationalen und Nationalen Olympischen Komitees.
Neben der Größe hat sich heute auch der Charakter der Masse gewandelt. Eine schwer kontrollierbare, unfallträchtige und politisch verführbare Menge – nicht umsonst bemüht die Berliner Ausstellung Olympia 1936 und Elias Canettis Analyse Masse und Macht (1960) – ist nicht zuletzt durch die Stadionarchitektur zum Eventpublikum worden. Nachdem es in den 1980er-Jahren schwere Unglücke auf überfüllten Stehplatztribünen gegeben hatte, wurden fast alle europäischen Stadien zu reinen Sitzplatzstadien umgebaut. Das hat die soziale Struktur des Publikums nachhaltig verändert.
 
Für Canetti war das „Umschlagen der Berührungsfurcht“ das konstituierende Moment einer Masse: Wenn Menschen, die körperlichen Kontakt sonst peinlichst vermeiden, miteinander verschmelzen. Durch die Sitzplätze jedoch wird die Masse re-individualisiert. Allein im Moment des Torjubels (gibt es ein anschaulicheres Beispiel für das, was Canetti „Entladung der Masse“ nennt?) finden Berührungen statt. Und weil für Sitzplätze mehr Geld verlangt werden konnte, wurden Arbeiter und sozial Schwache auf die wenigen verbliebenen Stehplätze zurückgedrängt. Fußball wurde auch für Frauen gesellschaftlich akzeptabel, die Mittelschicht kehrte in die Stadien zurück „Der Fußball nähert sich dem Theater an“, meint Gert Kähler zu dieser Entwicklung, „er hat verstärkt Eventcharakter bekommen.“

Masse im virtuellen Raum

„Die Masse ist ambivalent: Sie kann in Gewalt umschlagen, aber auch emotionale Befreiungen bewirken“, sagt Gert Kähler weiter. Doch durch die neue Zuschauerstruktur hat diese klassische Form der Masse, wie sie Elias Canetti 1960 noch unter dem Eindruck des Nationalsozialismus analysierte, im Stadion aufgehört zu existieren. Allenfalls ein gelegentlicher Platzsturm, das massenhafte Betreten des Spielfeldes nach dem Schlusspfiff, erinnern noch an das ungezähmte Fußballpublikum früherer Zeiten.
 
Olympisches Stadion in Kiew
Die Berliner Ausstellung zitiert Passagen aus dem Buch Die Verachtung der Massen (2000) des Philosophen Peter Sloterdijk. Demnach kommt der „Massencharakter nicht mehr im physischen Konvent, sondern in der Teilnahme an Programmen von Massenmedien zum Ausdruck“. 70.000 Menschen waren beim EM-Endspiel 2012 im Olympiastadion Kiew. 450.000 standen auf der Berliner Fanmeile. 20 Millionen Zuschauer sahen das Spiel im deutschen Fernsehen. Doch was sind diese Zahlen gegen 900 Millionen Facebook-Teilnehmer?

Denkt man Sloterdijk weiter, wäre das unkontrollierbare Moment der klassischen Masse im Internet-Zeitalter demnach auf den Flashmob oder die Facebook-Party übergegangen. Wenn plötzlich wie aus dem Nichts ein paar Tausend Menschen zusammenfinden.