Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Nachbarschaften: Görlitz – Zgorzelec | 2
Zwei Städte, eine Europastadt 

La città vecchia di Görlitz vista dal Bulwar Grecki, Zgorzelec
Foto: Roberto Sassi © Goethe-Institut Italien

Seit 25 Jahren bezeichnen sich Görlitz und Zgorzelec gemeinsam als „Europastadt“. Aber was bedeutet das eigentlich? Im zweiten Teil seiner Reportage überquert unser Autor Roberto Sassi die Neiße, um das polnische Zgorzelec näher zu erkunden und eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Von Roberto Sassi

Auf der anderen Seite des Flusses

Die Fußgängerzone entlang der Neiße in Zgorzelec heißt Bulwar Grecki (Griechischer Boulevard). Ein Name wie jeder andere, könnte man meinen, doch hinter ihm verbirgt sich eine kuriose Geschichte. Denn im Jahr 1916 zogen 6.100 Soldaten und 430 Offiziere des IV. griechischen Armeekorps unter dem Kommando von Ioannis Chatzopoulos in Görlitz ein. Sie folgten damit einer Einladung von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der ihnen nach dem Einmarsch der bulgarischen Armee in Griechenland hier Zuflucht versprochen hatte. Etwa 200 Soldaten blieben auch nach 1923 in der Stadt, als die Truppen von Chatzopoulos endlich in ihre Heimat zurückkehren konnten. Der zweite Akt dieser Geschichte spielt im Sommer 1949 in Zgorzelec: Tausende Griech*innen zogen damals auf der Flucht vor dem blutigen Bürgerkrieg in die polnische Stadt, wo sich viele in eben jenen Häusern niederließen, die einst den nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen gehört hatten. In den siebziger Jahren, nach dem Ende der Griechischen Militärdiktatur, kehrte der Großteil der Familien wieder nach Griechenland zurück, nur einige wenige blieben in Polen. 

Auf dem Bulwar Grecki, direkt am Wasser, signalisiert ein ungefähr zwei Meter hoher, rot-weißer Obelisk, dass wir uns auf polnischem Gebiet befinden. Auf dem anderen Ufer steht ein identisches Exemplar in den Farben der deutschen Flagge. Auf dem Weg zurück ins Zentrum komme ich an einer Reihe niedriger Häuser mit abblätterndem Putz vorbei, an zwei oder drei touristischen Restaurants und an einem Gebäude, auf dem ich Einschusslöcher zu erkennen meine – die letzten sichtbaren Spuren des Krieges. Es ist ein später, ausgesprochen sonniger Samstagvormittag und auf dem Fluss zeichnen sich die Schatten der Bäume entlang des deutschen Ufers ab. Auf dem Bulwar sind überwiegend Familien mit Kindern unterwegs, eine Frau auf dem Fahrrad fährt langsam in Richtung Görlitz, auf einer Bank sitzen zwei Mädchen und sehen sich Videos auf ihren Handys an. Ich gelange in einen Stadtteil mit ebenso eleganten wie heruntergekommenen Gebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert, die von der deutschen Vergangenheit zeugen – doch schon ein Stück weiter prägt sozialistische Wohnbauarchitektur das Bild. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier 8.800 Menschen, beinahe ausschließlich Deutsche; heute sind es mehr als 30.000, beinahe ausschließlich Pol*innen. In den vergangenen dreißig Jahren ist die Bevölkerung auch hier geschrumpft, allerdings in deutlich geringerem Ausmaß als in Görlitz. 

Zgorzelec erstreckt sich rund um zwei Hauptstraßen, die Daszyńskiego/Warszawska und die Armii Krajowej, entlang derer sich auf unaufdringliche Weise Restaurants, Cafés und unterschiedliche Geschäfte aneinanderreihen. Südwestlich vom Stadtkern liegt der Park Andrzeja Błachańca, in dessen Mitte das Dom Kultury (Kulturhaus) steht – ein imposantes Gebäude aus Wilhelminischer Zeit, in dem Ausstellungen, Konzerte und Theateraufführungen stattfinden. In der Stadt gibt es keine Plätze und kein richtiges Zentrum, aber ich habe das Gefühl, dass hier mehr junge Menschen unterwegs sind als in Görlitz. 

Ein paar Tage später bestätigt der Schriftsteller Lukas Rietzschel, der seit 2016 in der deutschen Stadt lebt, meinen Eindruck in einem Videoanruf aus Los Angeles. „Es stimmt, in Zgorzelec gibt es mehr junge Menschen. Es gibt eine lebendige Gastronomieszene und die Sportanlagen sind wirklich hervorragend. Ich fahre selbst jeden Montag auf die andere Seite des Flusses, um dort mit Freunden Fußball zu spielen.“ Rietzschel, geboren 1994 im sächsischen Räckelwitz, ist eines der größten Talente der neuen deutschen Belletristik. In seinen Romanen erzählt er von diesen Orten und von seiner Region, der Oberlausitz, in der verschiedene Sprachen und Kulturen zusammenleben und das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Erbe der DDR bis heute nachwirkt. „Ich glaube, es ist wirklich ein großes Glück, dass ich so einfach die Grenze überqueren kann“, erklärt Rietzschel. „Die Nähe zu Polen bietet mir im Alltag eine Öffnung zur Außenwelt. Und dadurch weiß ich Görlitz selbst noch viel mehr zu schätzen.“   
  • Obermarkt Foto: Roberto Sassi © Goethe-Institut Italien
    Wrocławska, Zgorzelec
  • Zgorzelec Foto: Roberto Sassi © Goethe-Institut Italien
    Zgorzelec
  • Untermarkt, Görlitz Foto: Roberto Sassi © Goethe-Institut Italien
    Untermarkt, Görlitz
Seit 1998 bezeichnen sich Görlitz und Zgorzelec gemeinsam als „Europastadt“ oder, auf Polnisch, als „Europa-Miasto“. Diese Bezeichnung zeugt vom Willen zu einer gemeinsamen Stadtentwicklung und besiegelt zugleich eine komplizierte historische Versöhnung. Die beiden Stadträte tagen regelmäßig gemeinsam und die Institutionen der beiden Städte begehen gemeinsam Jubiläen wie das Ende des Zweiten Weltkriegs beziehungsweise fördern wichtige kulturelle Veranstaltungen wie das Neiße Filmfestival. Während ich die leicht abschüssige Straße zurück in Richtung Bulwar Grecki gehe, frage ich mich, ob diese institutionelle Zusammenarbeit nicht vor allem eine großartige Marketingaktion ist oder ob sie auch konkreten Einfluss auf das tägliche Leben hat. Zweifellos gibt es viele Faktoren, die die gemeinsame Stadtentwicklung behindern: angefangen bei den sprachlichen Barrieren über die unterschiedlichen Gemeindeordnungen bis hin zu einem gewissen gegenseitigen Misstrauen, das tief verwurzelt ist. Knapp eine Minute nachdem ich mir diese Frage gestellt habe, fährt ein aus Görlitz kommender Autobus der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe vorbei. Er hat soeben die Grenze überquert, an Bord vor allem Frauen und Jugendliche. Ausnahmslos Menschen, die wahrscheinlich ihren Samstagvormittag in Deutschland verbracht haben und jetzt für den Rest des Tages nach Polen kommen. 

Die Energie des leeren Raums 

Vielleicht bin ich inzwischen zu sehr an Berlin gewöhnt, an das lebhafte Treiben in bestimmten Vierteln und an den Drang, jeden noch so kleinen Raum zu nutzen, aber in den Straßen und auf den Plätzen von Görlitz habe ich ständig den Eindruck, es seien zu wenige Menschen unterwegs. In den Läden sehe ich keine Schlangen und die Zahl leerstehender Geschäftsräume ist hoch. In der Physik gibt es einen Begriff, der die Atmosphäre in dieser Stadt meiner Meinung nach gut beschreibt, und zwar den der „Energie des leeren Raums“. Kurz gesagt: Selbst in einem Raum, in dem keine Materie existiert, ist eine gewisse Energie vorhanden, was bedeutet, dass der Raum nie vollkommen leer ist. Während ich in der Jakobstraße mit ihren eleganten Gründerzeithäusern auf Felix Schuster warte, sage ich mir, dass diese „Leere“ in Görlitz zweifellos mit Bedeutung aufgeladen ist. Sie erzählt das historische Gleichnis der Stadt und kann daher, wie in der Physik, nicht vollkommen leer sein. 

„Es kommt nicht selten vor, dass zu unseren Veranstaltungen im Stadtviertel nur drei Leute kommen“, berichtet Schuster, der dreißig Jahre alt ist und 2022 die Kunsthalle Görlitz ins Leben gerufen hat. „Der Winter in der Stadt ist hart, es gibt nicht viel zu tun, aber im Sommer haben wir ein relativ umfangreiches kulturelles Angebot.“ Wir sitzen an einem wackeligen Tisch in der Kunsthalle, einem großen Raum im Erdgeschoss mit schlecht gestrichenen Wänden, in dem bald Renovierungsarbeiten beginnen werden. „Wir brauchen einen neuen Standort“, erzählt Schuster. „Aber wenn es in Görlitz an etwas nicht mangelt, dann an leeren Räumen.“ Auf meine Frage, ob es nicht frustrierend ist, Veranstaltungen zu organisieren, zu denen fast niemand kommt, und ob er nicht manchmal Lust hat, in eine andere Stadt zu ziehen, vielleicht nach Dresden oder Leipzig, zuckt er mit den Schultern und antwortet lächelnd: „Ich möchte versuchen, hier etwas Sinnvolles zu machen, die Stadt hat enormes Potenzial.“ 

Schuster berichtet von den niedrigen Lebenshaltungskosten in Görlitz und vom übermäßigen Autoindividualverkehr, der für Deutsche und Pol*innen hier gleichermaßen typisch ist. Dann erläutert er mir seine Idee, Berliner Künstler*innen mithilfe von Künstlerresidenzen anzulocken. Sein Optimismus ist aufrichtig und erinnert stark an den von Alexandra Grochowski und Lukas Rietzschel: Sie alle sind unter 35, haben sich entschieden, hier zu leben und beabsichtigen nicht, wegzuziehen. Es ist ein Optimismus, der die Schwierigkeiten des Lebens in Görlitz/Zgorzelec keineswegs ausblendet, sondern gerade in der problematischen Geografie und der besonderen Situation als Grenzort wurzelt. Wäre dem auch so, wenn es keine Grenze gäbe? Ohne die historischen Wunden, die diese beiden Städte trennen und vereinen? Ohne „fremde Freunde“? Ich verlasse Görlitz/Zgorzelec mit diesen mehr oder minder rhetorischen Fragen in meinem Kopf und mit dem Gedanken, dass sie irgendwie die Beweggründe derjenigen erklären, die bleiben und die weiterhin daran glauben, dass diese „Energie der Leere“ eine Chance ist: angefangen bei der fast religiösen Stille des Stalag VIII A bis zur Bäckerei in der Nachbarschaft, die vor ein paar Monaten geschlossen hat und von der man nicht weiß, ob sie je wieder öffnen wird.
 

Europastadt Görlitz-Zgorzelec

Logo Europastadt Görlitz-Zgorzelec Im Jahr 1998, vor genau 25 Jahren, vereinten sich Görlitz und Zgorzelec zur Europastadt Görlitz-Zgorzelec. Damit wurde der Grundstein für das Zusammenwachsen der deutsch-polnischen Zwillingsstadt gelegt. Heute gibt es einen grenzüberschreitenden Nahverkehr, eine bilinguale Klasse, in der deutsche und polnische Schüler zusammen lernen und viele weitere gemeinsame Initiativen, die von dem Verein Meetingpoint Memory Messiaen getragen werden. Das Görlitzer Projekt engagiert sich für grenzüberschreitende Bildungs- und Erinnerungsarbeit, etwa auf dem Gelände des früheren Kriegsgefangenenlagers Stalag VIIIa in Zgorzelec. Die Altstadtbrücke steht symbolisch für die Verbindung zwischen Görlitz und Zgorzelec. Spaziergänger*innen und Radfahrer*innen fahren dort heute unbeschwert hin und her.

In Zusammenarbeit mit Europastadt Görlitz-Zgorzelec

Top