Washington DC
Rock Creek Park

Washington, DC, Rock Creek Park
© Roger Catlin

​Der wohl berühmteste Besucher von Rock Creek Park war Präsident Teddy Roosevelt: Hier führte er seine Familie zum Picknick aus, unternahm mit seinen Kameraden vom Militär oder wichtigen Repräsentanten waghalsige Klettertouren durch die felsige Berglandschaft und auf der Boulder Bridge verlor er sogar seinen Hochzeitsring.

Studierende der American University haben den Rock Creek Park in Washington DC erkundet und Anwohner gefragt, was ihnen am meisten an dieser unerwarteten Oase gefällt.

Der Park selbst wurde 1890 durch einen von Benjamin Harrison unterzeichneten Beschluss gegründet, mehr als zehn Jahre vor Roosevelts Amtseinführung. Rock Creek ist der dritte von der US-Regierung angelegte Nationalpark und wurde nach dem Yellowstone, aber noch vor dem Yosemite Park eingerichtet. Er ist damit im gesamten Nationalparksystem das älteste Naturreservat in städtischer Umgebung.

Der 127 Jahre alte Beschluss legt fest, dass der über sieben Quadratkilometer große Park „den Bürgern der Vereinigten Staaten zur ständigen Nutzung als öffentlicher Park und Freizeitgelände zur Verfügung stehen und ihrem Wohlergehen dienen soll“, aber auch „ein Schutzraum für Tiere, Pflanzen und weitere im Park befindliche Besonderheiten sein soll, in der die Natur sich möglichst ungestört entfalten kann“.
 

Der Park umfasst ein riesiges und ursprüngliches Waldgebiet, das sich vom Potomac River bis zum bereits 1899 gegründeten National Zoo mitten durch den District Of Columbia erstreckt und noch bis über die Grenzen von Maryland reicht.

Nur einen Katzensprung vom geschäftigen Leben der von vielen Touristen bevölkerten US-Hauptstadt entfernt konnte der Besucher unter einem Baldachin alter Bäume, inmitten alter Felsblöcke und in der Nähe rauschender Gewässer das hektische Großstadtleben hinter sich lassen.

Dieser Kontrast besteht heute immer noch, allerdings hat sich der Park auch den Bedürfnissen der Besucher angepasst und bietet heute Erholungsmöglichkeiten für jeden Geschmack. Auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie der Central Park in New York, finden sich im Rock Creek Park kilometerlange Wege zum Radfahren, Wandern, Joggen und Reiten.

Außerdem befindet sich hier ein Naturzentrum inklusive Planetarium, das auch als eine Art Besucherzentrum dient. In dem 4.000 Zuschauer fassenden Carter-Barron-Amphitheater, das gerade renoviert wird, haben schon zahlreiche Veranstaltungen vom Musical bis zum Konzert stattgefunden. Unter anderem sind hier bereits Ella Fitzgerald, Johnny Mathis, B.B. King, Stevie Wonder und Bruce Springsteen aufgetreten.



Neben 30 Picknickbereichen gibt es auch eine Tennis-Arena, in der wichtige Spiele ausgetragen werden. Wer selbst den Schläger schwingen will, findet hier zudem Dutzende Plätze mit unterschiedlichem Bodenbelag. Außerdem gibt es eine große Freizeitfläche mit Feldern für Fußball, Volleyball und Feldhockey und sogar einen Golfplatz, der bereits in der Eisenhower-Ära angelegt wurde.
 

Zusätzlich zu den vielen langen vom Potomac Appalachian Trail Club angelegten Wegen bietet der Park auch noch einen knapp 2,5 Kilometer langen Trainingspfad sowie über 20 Kilometer angelegte Reitwege.

Radfahrer können vom Lincoln Memorial durch die Stadt bis nach Maryland fahren, wo der Park sich mit dem dortigen Rock Creek Stream Valley sowie dem Rock Creek Regional Park in Montgomery County verbindet – eine weitere Fläche von über 16 Quadratkilometern, die bis zum Oberlauf des Flusses in Laytonsville reicht, gut 50 Kilometer nördlich von der Stelle, wo dieser begleitet von 30 Nebenflüssen in den Potomac fließt.

Trotz des von der Smithsonian Institution geführten National Zoo, der mitten im Park liegt und der im vergangenen Jahr 2,7 Millionen Besucher anzog, leben auch viele Tiere im Park in freier Natur. Vor 30 Jahren zählte man hier schon 340 Weißwedelhirsche, und der Bestand hat sich seither offenbar noch vergrößert. Außerdem findet man hier so viele Waschbären wie sonst nirgends in den USA. Der Park hat angeblich auch mindestens ein halbes Dutzend Fuchsbaue, und ab und an trifft man sogar Kojoten.

Mitten auf den Wegen lässt auch immer wieder die Geschichte grüßen: Neben der oftmals überraschenden Tierwelt wartet hier auch der ein oder andere nicht weniger überraschende Schatz darauf, entdeckt zu werden.

Zehntausend Jahre vor der öffentlichen Erklärung zum Park haben sich an diesem Ort schon Naturvölker getroffen, um zu jagen, sich zu versammeln oder im Steinbruch zu arbeiten. Eine Ausgrabung von William Henry Holmes aus dem Jahr 1889 zeugt davon, dass um das Wassereinzugsgebiet um Piney Branch herum bereits vor 4.500 Jahren Quarzit zur Werkzeugherstellung gewonnen wurde.

Mit der Ankunft der Europäer im frühen 17. Jahrhundert entstanden an dem kleinen Fluss nach und nach Siedlungen und Industrien, vor allem Mühlen. Von 1820 bis 1897 waren um den Rock Creek neunzehn wasserbetriebene Mühlen im Einsatz, eine davon war eine Zeit lang im Besitz von John Quincy Adams. Einige der ältesten Mühlen, Pierce Mill, steht immer noch. In dem renovierten Bauwerk können Besucher am Wochenende anschaulich erfahren, wie hier früher das Mehl gemahlen wurde.

Das 1823 erbaute Haus von Joshua Price, dem Sohn des Mühlenbesitzers, dient heute als Hauptquartier des Parks. Das sogenannte Klingle Mansion (benannt nach einem Neffen, der das Haus später für kurze Zeit besaß) bietet mit seiner Lage auf einem Hügel einen eindrucksvollen Blick auf die Landschaft.

Im Mittelteil des Parks sind inmitten der Waldwege noch Ruinen von Festungen zu finden, die die Stadt einst im Bürgerkrieg beschützt haben. Eine der 68 Festungsanlagen aus dieser Zeit ist etwa Fort DeRussy. Sie liegt mitten im dichten Wald und bietet aufgrund der vielen neugewachsenen Bäume nur noch eine eingeschränkte Aussicht.

In der Parkmitte findet man in einem Tal nahe des Rock Creek Horse Center sogar noch interessante architektonische Ruinen: Als Überbleibsel der Renovierung des Kapitols im Jahr 1958 türmen sich hier ganz unscheinbar und für den Besucher kaum erkennbar Sandsteingesims und Fliesen – ein illustrer Zwischenstopp für Abenteuerlustige.

Und es gibt noch viel mehr zu entdecken: Etwa die Hütte des Western-Autors Joaquin Miller, der auch „Dichter der Sierra“ genannt wurde. Sie wurde aus dem Meridian Hill Park hierher umgelagert und ist eins von 99 in ganz D.C. verstreuten Gebäuden, die ebenfalls von Rock Creek verwaltet werden. Man findet sie zum Beispiel im Battery Kemble Park, Palisades Park, Glover Archbold Park, Dumbarton Oaks Park, Whitehaven Park sowie dem Old Stone House in Georgetown, dem ältesten Anwesen der Stadt, das im Jahr 2018 wegen Renovierungsarbeiten geschlossen bleiben wird. Insgesamt erstrecken sich diese Gebiete auf einer Fläche von über acht Quadratkilometern.

Mit dem Bau des Rock Creek and Potomac Parkway, den Frederick Law Olmsted Jr. zunächst nur als landschaftlich reizvollen Nebenweg geplant hatte, veränderte sich das Gesicht des Parks maßgeblich: Der Weg wurde zur Haupt-Nord-Süd-Verbindung für Pendler nach Maryland, nachdem die kurvige Straße von der Memorial Bridge mit der Beach Road verbunden wurde. Diese hat übrigens nichts mit Sand und Meer zu tun, sondern ist nach Col. Lansing H. Beach benannt, dem Technischen Leiter diverser lokaler Bauprojekte, der unter anderem für die markante Boulder Bridge verantwortlich zeichnete. Diese erlangte vor allem durch Teddy Roosevelt Berühmtheit, der in der Nähe einmal einen Ring verloren hatte und angeblich in der Zeitung folgende Anzeige schaltete: „Goldener Ring in der Nähe der Boulder Bridge im Rock Creek Park verloren. Finder bitte in der Pennsylvania Ave 1600 abgeben und nach Teddy fragen.“
 

Häufig wurde Roosevelt bei seinen Streifzügen von dem französischen Botschafter Jules Jusserand begleitet, der mit dem Präsidenten durchaus Schritt halten konnte. Als der Fluss einmal ihren Weg abschnitt, ließ dieser sich sogar einmal zum gemeinsamen Nacktbaden hinreißen.



Der Ring ist jedoch niemals wiedergefunden worden, was den Präsidenten allerdings nicht dazu veranlasste, den Park fortan zu meiden. So schrieb er in seinen Memoiren: „Wir gingen immer gerne im Rock Creek Park spazieren, weil man zwischen den Felsbrocken immer so herrlich kraxeln und klettern konnte.“

Häufig wurde Roosevelt bei seinen Streifzügen von dem französischen Botschafter Jules Jusserand begleitet, der mit dem Präsidenten durchaus Schritt halten konnte. Als der Fluss einmal ihren Weg abschnitt, ließ dieser sich sogar einmal zum gemeinsamen Nacktbaden hinreißen.

„Um die Ehre Frankreichs zu wahren, entledigte ich mich meiner Kleidung, abgesehen von meinen fliederfarbenen Glacéhandschuhen“, erinnerte sich Jusserand später. Als der Präsident ihn daraufhin misstrauisch ansah, bat er diesen inständig: „Herr Präsident, ich bitte um Ihre Erlaubnis, die Handschuhe anbehalten zu dürfen, ansonsten wäre es mir äußerst peinlich, falls wir auf Damenbesuch treffen.“

Jusserand war der erste ausländische Diplomat, dem auf amerikanischem Boden ein Denkmal gesetzt wurde: Im Jahr 1936 ließ Franklin Delano Roosevelt, ein Cousin fünften Grades von Theodor Roosevelt und ebenfalls US-Präsident, am Beach Drive in der Nähe der Pierce Mill eine Granitbank zu Jusserands Ehren errichten.

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