Katharina Bendixen war vier Wochen in Pristina/Kosovo und hatte dort weder Tisch noch Töpfe. In einem jungen Land mit viel Armut und hoher Korruption war das sicher kein Wunder. Ohne Tisch zu schreiben, war dennoch schwierig.
Eine Weile habe ich für ein Stadtmagazin Restaurantkritiken geschrieben. Dabei gab es eine einfache Regel: Wenn mir etwas missfiel, musste ich mich beschweren. Wenn ich das Lokal einfach verließ, durfte ich keinen Verriss schreiben. Meine Residenzwohnung in Pristina habe ich nach den vereinbarten vier Wochen einfach verlassen. Ich habe ausgeharrt, ohne mich zu beschweren. Vielleicht liegt das an diesem seltsamen schlechten Gewissen, das ich als Deutsche im Ausland fast immer habe; vielleicht liegt es an der Dankbarkeit, die zu empfinden ich mich jedem gegenüber gezwungen fühle, der mir Geld für meine Arbeit gibt – als sollten nicht auch Autor*innen einen vernünftigen Lohn bekommen. In Pristina habe ich fast gar nichts bekommen. Ich habe schmallippige Antworten auf meine E-Mails und mein Stipendiumsgeld in bar auf die Hand bekommen. Ich habe eine Wohnung mit einem Bett und einem Schrank, mit einer Couch und einem kleinen Couchtisch bekommen und dazu eine Ameisenstraße und eine Toilettenspülung, die so beharrlich tropfte, dass das Bad immer unter Wasser stand. Den Lappen, mit dem ich das Wasser aufwischte, habe ich gekauft, ebenso wie den Besen, mit dem ich jeden Morgen die Ameisen wegfegte. Ich habe Schüsseln, Töpfe und eine Pfanne gekauft. Einen Tisch wollte ich nicht kaufen, weder einen Esstisch noch einen Schreibtisch, und weil es unmöglich ist, vier Wochen lang an einem Couchtisch zu arbeiten, und weil auch das W-LAN nicht funktionierte, schrieb ich in der American Corner in der Städtischen Bibliothek, einem merkwürdigen Arbeitsraum ohne Tageslicht, dafür aber mit vielen US-amerikanischen Flaggen. Nach der Arbeit tauchte ich wieder in das Tageslicht ein und ging dann oft in einem der vielen netten Lokale essen. Mein Stipendiumsgeld hat locker für einige Essen gereicht, und es gab keinerlei Grund, sich über die Restaurants in Pristina zu beschweren.„... sonst steht wieder nichts in deiner Vita!“
- Vorwort | Gefangen im Elfenbeinturm
- #1 Ondřej Hložek | Dort, wo der Fluss ins Graublau schwindet…
- #2 Cécil Joyce Röski | enfant terrible
- #3 Katharina Bendixen | Kein Tisch für sich allein
- #4 David Blum | Hofnarr in Residence
- #5 Slata Roschal | Sie waren wieder da
- #6 Selim Özdoğan | Sie denken, dazu kann man nicht nein sagen
- Nachwort | Dann bewerbt euch doch nicht! – Und was, wenn doch?
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um.
Januar 2025