Schriftsteller*innen-Residenzen | Nachwort  Dann bewerbt euch doch nicht! – Und was, wenn doch?

Ein guter Vorsatz
Ein guter Vorsatz Foto: © Slata Roschal

Damit Aufenthaltsstipendien die Arbeit von Schriftsteller*innen wirklich unterstützen, müssen sie einige Kriterien erfüllen. Katharina Bendixen und Slata Roschal schlagen in ihrem Nachwort zur Textreihe Verbesserungen vor.

Dann bewerbt euch doch nicht, möchte man nach der Lektüre dieser sechs Text vielleicht rufen, dann bleibt doch einfach zu Hause! Selim Özdoğan bringt in seinem Text auf den Punkt, warum die meisten Schriftsteller*innen das trotz zahlreicher negativer Erfahrungen dennoch immer wieder tun: Sonst steht wieder nichts in deiner Vita.

Der Literaturbetrieb orientiert sich am Matthäus-Prinzip. Je dichter die Liste der bisherigen Auszeichnungen, desto höher die Chancen auf ein nächstes und möglicherweise besseres Stipendium, das die Arbeit am Buch für eine Weile ermöglicht, und je bekannter das Stipendium, desto besser die Aussichten, die Aufmerksamkeit von Agenturen, Verlagen, Literaturhäusern auf sich zu ziehen.

Der Alltag freischaffender Künstler*innen ist von einem enormen ökonomischen Druck geprägt; außer Autor*innen von Krimis und Liebesromanen ist es so gut wie niemandem möglich, vom Buchverkauf zu leben, und honorierte Aufträge, Lesungen, Workshops lassen kaum Zeit für die eigentliche Tätigkeit, das Schreiben. Selbst in einem reichen Land wie Deutschland liegt das Netto-Durchschnittseinkommen von Autor*innen knapp über dem Existenzminimum, hinzu kommt ein auffallender Gender Pay Gap. Förderangebote wie Aufenthaltsstipendien können Autor*innen tatsächlich eine Zeitlang entlasten und Raum zum Schreiben ermöglichen.

Damit sie aber für alle Beteiligten sinnvoll bleiben, müssen minimale Kriterien erfüllt werden: Die finanzielle Aufwendung sollte zumindest die Miete zu Hause und den Lebensunterhalt vor Ort decken. Oft vergessen Institutionen, dass die eigene Wohnung nicht für ein paar Monate gekündigt werden kann, dass auch Autor*innen Essen oder Kleidung brauchen.

Auch haben die meisten professionellen Schriftsteller*innen eine exzellente Ausbildung, was Ausschreibungen, die „Taschengeld“ in Höhe eines Arbeitslosengeldbezugs versprechen, eine gewisse Absurdität verleiht. In Deutschland lässt sich ein Stipendium ab 1.500 Euro monatlich als seriös einschätzen, bei internationalen Kooperationen sollten natürlich für alle Gäste die gleichen Bedingungen gelten. Und es klingt selbstverständlich, ist es in der Praxis aber nicht – unsanierte, heruntergekommene Wohnungen eignen sich nicht für Aufenthaltsstipendien, Ähnliches gilt für Gemeinschaftsbäder oder Räumlichkeiten mit Insektenbefall. Ein Tisch und bequemer Stuhl hingegen sind Schriftsteller*innen durchaus wichtig.

Oft versuchen Gemeinden, Städte und Vereine, eine Vielzahl unbezahlter journalistischer, didaktischer oder unterhaltender Tätigkeiten vor Ort als Stipendium zu tarnen. Das ist nicht nur steuerrechtlich problematisch, sondern auch unfair den Schriftsteller*innen gegenüber: Sie reisen an, um einen Lyrikband voranzubringen, und sitzen dann an einem Blog mit Kurzgeschichten, die vor Ort spielen sollen. Alle zu erbringenden Leistungen müssen abgesprochen und vor allem extra honoriert werden. Richtlinien dazu finden sich zum Beispiel auf der Website des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in ver.di.

Die Vorstellung eines einsamen, ungebundenen Genies, das freudig durch die Welt zieht, hält sich hartnäckig, hat aber nichts mit der Realität zu tun. Autor*innen haben Partnerschaften, Kinder, zu pflegende Angehörige, vielen ist es – wie den meisten Menschen anderer Berufe – nicht möglich, alle sozialen Verpflichtungen zu kündigen und Monate an einem anderen Ort zu verbringen. Dabei schreiben gerade oft Autor*innen, die sich um ihre Familie kümmern, über dringende gesellschaftliche Themen wie Care-Arbeit, was zahlreiche Neuerscheinungen der letzten Jahre beweisen. Stipendien müssen allen Autor*innen offenstehen, das bedeutet, auf eine Anwesenheitspflicht zu verzichten, eventuelle Projekte ins Digitale zu verlagern und die Mitnahme und – ja, auch das ist realisierbar – Betreuung von Kindern zu ermöglichen. In dieser Hinsicht haben fast alle Künstlerhäuser Optimierungsbedarf, wie in der Übersicht des Netzwerks other writers klar wird.

Natürlich wissen Künstler*innen finanzielle wie moralische Unterstützung zu schätzen. Allerdings sind sie nicht zu lebenslanger Dankbarkeit verpflichtet und müssen nicht alle Forderungen der Gast- und Stipendiengeber erfüllen; allzu leicht kippen Auszeichnungen in unangenehm hierarchische Verhältnisse, indem Autor*innen als Bittsteller, dekorative Kulturvertreter oder günstige Arbeitskräfte behandelt werden.

Dabei sind gute Stipendien einfach – es braucht nur etwas Interesse für die realen Arbeitsbedingungen von Schriftsteller*innen und ein wenig guten Willen, die Bedingungen daran anzupassen. Als vorbildlich kann das neue Programm Parents in Arts der Hamburger Behörde für Kultur und Medien gelten, das schreibenden Eltern die Wahl lässt, ob sie ihren Schreibaufenthalt mit oder ohne Kinder antreten. Eine Wahlfreiheit in Bezug auf Zeiträume und zusätzliche Verpflichtungen wie Workshops oder Mittagessen mit den Fördergebern sollte aber für alle Autor*innen gelten. Erst dann werden Autor*innen sich nicht mehr auf Stipendien bewerben, damit etwas in ihrer Vita steht – sondern weil der Aufenthalt ihre Arbeit tatsächlich unterstützt.

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