Schriftsteller*innen-Residenzen | Vorwort  Gefangen im Elfenbeinturm

Goethes Gartenhaus in Weimar. Das waren noch Zeiten...
Goethes Gartenhaus in Weimar. Das waren noch Zeiten... Foto: © David Blum

Die Arbeit von Schriftsteller*innen wird oft durch Residenzstipendien gefördert – mehrmonatige Aufenthalte in Künstlerhäusern, Burgen oder Schlössern. Was traumhaft klingt, kann auch in einen Alptraum umschlagen. Sechs Berichte erzählen von diesen alptraumhaften Erfahrungen.

Elfenbeintürme für Künstler*innen und Autor*innen sind out – seit ein paar Jahren gibt es Bahnwärterhäuschen im Nirgendwo und Waldbungalows mit Ameisenstraßen, und das alles inklusive der allseits gefürchteten Anwesenheitspflicht. Was absurd klingt, nennt sich Aufenthaltsstipendium und ist wichtiger Bestandteil jeder künstlerischen Vita: Ein Zimmer oder im besten Fall eine kleine Wohnung für ein Vierteljahr fernab der eigenen Stadt, ein paar Pflichten wie Lesungen, Workshops oder eine Kurzgeschichte über den romantischen Bachlauf hinter dem Ortseingangsschild, dazu 1.000 bis 1.500 Euro pro Monat – fertig ist die Literaturförderung. Schließlich haben Autor*innen sich ganz der Kunst verschrieben, oder haben sie etwa weltliche Laster wie Freundschaften, Hobbys oder gar eigene Kinder, die sie an ihren Heimatort fesseln? Sind Autor*innen keine bindungslosen Wesen, die an jedem Ort leben können, solange sie nur ein Café finden, in dem sie ihre Feder in ihr Tintenfass tauchen können?

Immer prekärere Lebensbedingungen bringen Autor*innen dazu, fast jedes Stipendium anzutreten, und immer mehr (Klein)Städte nutzen diese Not aus und betreiben auf den Rücken der Autor*innen schamlos günstiges Stadtmarketing. Katharina Bendixen und Slata Roschal haben vier Autor*innen dazu eingeladen, über ihre absurdesten Erfahrungen bei Aufenthaltsstipendien zu berichten, und erzählen auch selbst von traurigen Momenten in ihrem Berufsleben. Fehlende Tische und Ungeziefer spielen in den Berichten ebenso eine Rolle wie Klassenunterschiede und Machtmissbrauch. Im Nachwort entwerfen Katharina Bendixen und Slata Roschal ein zeitgemäßes Konzept der Künstler*innenförderung, das von Wissen um die Bedürfnisse von Autor*innen und von Respekt für die künstlerische Arbeit getragen ist. Aber nun geht die Reise erst einmal nach Horní Planá, nach Pristina, in die Berge und an einen Ort, von dem aus man per Bus in 24 Minuten in der Stadt ist – versprochen!

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