Tamara Trampe im Gespräch mit Diana Ivanova
Ein gerader Blick ins Gesicht des Anderen 

Tamara Trampe
© Tamara Trampe

Tamara Trampe zählt zu den größten Namen des deutschen Dokumentarfilms.

Sie hat Germanistik an der Universität Rostock studiert, von 1970 bis 1990 war sie Dramaturgin beim DEFA Studio für Spielfilme Babelsberg. Seit 1990 arbeitet sie als Autorin, Dramaturgin und freiberufliche Filmemacherin in Berlin.

Tamara Trampe ist ein Kriegskind – geboren 1942 in der Sowjetunion. Ihre 22–jährige Mutter war Krankenschwester bei der Roten Armee. Der Vater wird für Tamara für immer unbekannt bleiben - ein Offizier der Roten Armee. Ihre frühe Kinderjahre verbringt sie in der Ostukraine. Tamaras Mutter verliebt sich an der Front zum zweiten Mal - in einen Deutschen. Nach dem Krieg wandert die Familie nach Deutschland aus.

Drei ihrer anerkanntesten Filme - Der schwarze Kasten (1992), Wiegenlieder (2010) und Meine Mutter, ein Krieg und ich (2014) - wird das Goethe–Institut in Sofia zum ersten Mal dem bulgarischen Publikum präsentieren.


Ihre Filme werden zum ersten Mal einem bulgarischen Publikum gezeigt. Was für Gefühle erzeugt das bei Dir? Waren Sie schon in Bulgarien?
 
Ich freue mich sehr wieder nach Sofia zu kommen. 1978 war ich das erste Mal in Bulgarien. Orlando Lübbert, ein chilenischer Filmemacher war vor der Diktatur, nach Haft und Folter, über eine Botschaft nach Europa geflüchtet. Ich habe als Dramaturgin seinen ersten Spielfilm betreut. „Der Übergang“, die Geschichte von Flüchtlingen aus Chile, wurde in Bulgarien gedreht. Im Gebirge. Dort habe ich in einem kleinen Dorf das erste Mal einen Film gesehen, der auf eine in der Landschaft stehende Leinwand projiziert  wurde. Die Menschen in diesen Bergdörfern waren warmherzig und hilfsbereit. Viele Jahre später war ich mit dem Regisseur Ulrich Weiß noch einmal in Bulgarien. Die Leitung der DEFA zensierte jedes Vorhaben das Ulrich Weiß vorschlug. Er galt als politisch unzuverlässig. Sehr gern hätten es die „Genossen“ gesehen, wenn er in den Westen verschwunden wäre. Wir aber kontaktierten das bulgarische Filmstudio, Angel Wagenstein hat geholfen, und es wäre fast eine Co-Produktion entstanden. Aber auch in Bulgarien scheiterte das Projekt. Es wurde nie mehr gedreht.          
 
 
Wir werden drei ganz unterschiedliche Filme von Ihnen sehen, aus verschiedenen Etappen deines Lebens – „Der Schwarze Kasten“, „Wiegenlieder“, „Meine Mutter, ein Krieg und ich“. Man kann aber erkennen, das sind Tamara´s Filme. Was verbinden Sie mit jedem von diesen Filmen? Was haben Sie mit jedem dieser Filme besser verstanden?
 
Wenn Sie sagen, dass jeder Film als ein Film von Tamara zu erkennen ist, dann vielleicht, weil mir die Begegnung mit Menschen so wichtig ist. Neugier ist für mich ein wichtiger Antrieb für die Arbeit. Sowohl vom Thema wie von der Ästhetik. Wie wird der Mensch? Wir werden geboren, dann gehen wir Schritt für Schritt ins Leben. Wir irren und korrigieren, wir sind frei oder unfrei und dann sterben wir. Leben wir ein erfülltes Leben oder ein durch Zwänge bestimmtes? Na so etwa. Filmemachen ist für mich ein wunderbares Mittel zur Kommunikation. Wie Sie sehen, arbeiten wir nie mit komponierter Musik, nie mit einem Kommentar. Das haben wir immer ausgeschlossen. Deswegen habe ich nie das Bedürfnis gehabt in verschiedenen Fernsehformaten zu arbeiten. Zu viele Zwänge von außen.
 
Ich will nichts erklären, der Film muss ohne Erklärungen auskommen können. In den Gesprächen lernen wir so verschiedene Menschen kennen und doch finden wir zueinander, wenn wir wahrhaftig miteinander umgehen.
 
Ich muss immer lachen, wenn ich gefragt werde, was ich meinem Publikum erzählen will. Das Publikum ist ein Fleischer oder eine Fabrikarbeiterin, ein Soziologe oder ein Musiker, ein alter oder junger Mensch. Ich hoffe einfach immer, dass das, was wir entdecken, den Menschen bekannt ist. Manchmal ist es nur tief vergraben.
 
 
Nach dem Film "Meine Mutter, ein Krieg und ich" haben Sie gesagt - das ist mein letzter Film. Ist diese Entscheidung erst nach dem Film gekommen und wie haben Sie diese Entscheidung getroffen? Warum?
 
Ich bin im Dezember 75 Jahre alt geworden. Ich habe als Dramaturgin gearbeitet und tue es heute noch, ich habe unterrichtet und fahre gerade wieder an die Filmhochschule in München und gebe dort vier Tage ein Seminar. Langsam sagt der Körper, nein, es reicht.
 
Wenn Sie sagen, meine Filme - stimmt das so nicht. Es sind immer unsere Filme: Johann Feindt und ich haben immer in Co-Regie gearbeitet. Nun bereitet er endlich wieder einen eigenen Film vor. Ich bin seine Dramaturgin, war zu Vorab-Drehs mit. Habe Gespräche vor der Kamera geführt.
 
Also so ganz höre ich nicht auf. Aber ich kann nicht mehr zwei bis fünf Jahre an einem Projekt arbeiten und das Wesentliche, was ich erzählen wollte, habe ich erzählt. Wenn wir arbeiten, dann 12-16 Stunden am Tag. Bei den „Wiegenliedern“ haben wir sehr oft um sechs Uhr morgens angefangen und waren nachts um 2 Uhr zu Hause.

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Ich habe in Bonn erlebt, wie nach der Aufführung von "Meine Mutter, ein Krieg und ich" ganz hohe Emotionen bei den Zuschauern kommen, die Menschen haben wochenlang darüber gesprochen. Ist das etwa Ihre Botschaft - den Menschen Courage zu geben, sich mit der eigenen Geschichte und den Emotionen zu verbinden? 
 
Ich habe keine Botschaft! Wir denken bei der Arbeit immer nur, wie kann eine Geschichte, die uns interessiert, spannend erzählt werden. Gelingt dies, dann gibt es auch Menschen, die das interessieren könnte. Alles ist schon in der Menschheitsgeschichte erzählt worden. Wie finden wir einen Zugang, der unsere ganz persönliche Sicht transportiert. Es sind Millionen von Stillleben gemalt worden und die, die es überlebt haben in der Zeit, sind sehr eigene Interpretationen eines Themas.
 

Woran denken Sie beim Filmen? Was ist Ihnen bei der Arbeit an einem Film wichtig? Wie würden Sie selbst Ihren Stil beschreiben?
 
Vielleicht erkennt man unseren Stil an drei Eigenheiten, einer subtilen Kameraarbeit, einem hohen Respekt vor den Protagonisten und der Art der Gesprächsführung. Ein Film wird ja drei Mal gemacht:
 
Er wird gedacht: sehr wichtig eine genaue Recherche, die Wahl der Protagonisten und die Wahl der erzählerischen Mittel.
 
Er wird gedreht: Die Wirklichkeit bestimmt den Tag. Man muß schnell reagieren oder sehr lange warten, man muß Vertrauen zu den Protagonisten und ihre Umwelt entwickeln und sie müssen sich sicher bei dir fühlen. Ein Beispiel: Soldaten sprechen ungern über ihre Erlebnisse im Krieg. Ungern über Angst, Scham, Verzweiflung, Tränen und sehr ungern über das Zurückkommen.
Im Krieg sind sie sich alle gleich, da gibt es keine Klassenunterschiede. Kommen sie zurück, ist der eine Bauer und der andere Anwalt. Die Solidarität ist weg und die, die nicht im Krieg waren, sind für sie keine Gesprächspartner. Sie bleiben allein. Da wir 1993 in Jugoslawien waren, wusste ich viel. Ich konnte einen Soldaten fragen: Hatten Sie einen guten Offizier? Er fragt zurück: Was meinen Sie damit? Ich: Hat er Ihnen vor dem ersten Kampf gesagt, dass sie Ersatzhosen dabei haben müssen? Sie verstanden sofort. Jeder Soldat macht sich im ersten Kampf in die Hosen. Sie lachten, wir duzten uns dann und die Tür für alles Weitere war geöffnet.
 
Und dann wird montiert: wenn die beiden ersten W stimmten: Was will ich erzählen, Warum will ich das erzählen, ist das dritte W - Wie will ich erzählen - in dem Material vorhanden.
 

Wurde „Der schwarze Kasten“ außerhalb von Deutschland gezeigt? Zeigen Sie den Film noch? Was ist heute aus Ihrem Protagonisten, Gierke, dem STASI-Psychologen, geworden?
 
„Der schwarze Kasten“ war unser erster gemeinsamer Film. Die Mauer war gefallen und einige Tage danach haben wir angefangen zu drehen. Vorab. Ohne Buch, ohne Verträge. Wir wussten, dass nun alles sehr schnell gehen wird. Alle sprachen zu dieser Zeit von den Opfern der Stasi, mich aber interessierte ausschließlich ein „Täter“. Meine Ausgangsfrage war: wie konnte in einem Staat, der sich nach der Nazizeit vorgenommen hatte, ein antifaschistischer Staat zu sein, Mann und Frau  gleichzustellen, die Fabriken zu enteignen, „Nie wieder Krieg“ auf seine Fahnen zu schreiben und zu verkünden, dass wir alle gleich seien, so kurz nach dieser grauenvollen Erfahrung, gleich wieder einen Geheimdienst  installiert werden, der das eigene Volk bespitzelte.
 
Wir wählten einen Protagonisten, der nach dem Krieg geboren war, der in die gleichen Schulen ging wie ich und mich als Feind sah. Der den Unterschied zwischen Vertrauen und vertrauensähnlichen Beziehungen nicht kannte und den schlichten deutschen Satz: Das tut man nicht, nicht verstand.
 
„Der schwarze Kasten“ wurde in England und Frankreich gezeigt, lief mehrere Jahre im MOMA, in Washington, in Argentinien, wenig in Deutschland. Erst sehr spät habe ich kapiert warum - der Stasistempel sollte auf allen Bürgern der DDR aufgestempelt sein. Deswegen machten viele westdeutsche Kollegen Filme über die Stasi, bis heute. Der Film ist jetzt wieder entdeckt worden, an einigen Universitäten im In- und Ausland wird er als Lehrmaterial im Studiengang  Psychologie und Soziologie eingesetzt und es gibt Veranstaltungen in der Stasibehörde und verschiedenen OFF Kinos.
 
Gierke war in den ersten Jahren nach dem Mauerfall psychologischer Berater der Partei Die Linke. Später arbeitete er beim Deutschen Roten Kreuz, viele Jahre im Vorstand.
 
 
Was ärgert Sie heute in der Gesellschaft, an Menschen? Was bringt Ihnen Freude?
 
Mich ärgert, dass so Vieles nie hinterfragt wird, so kann auch Protest nicht entstehen. Das Abnehmen der Kommunikationsfreudigkeit im Alltag, geistige Trägheit.
 
Mich freut immer Humor und ein gerader Blick ins Gesicht des anderen.


 

Dieses Interview wurde im Februar 2018 von Diana Ivanova in Deutschland durchgeführt.

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