Im Gespräch mit Viktoria Draganova
Ferntreffen mit Viktoria Draganova

Еin Gespräch zusammen mit Navine G. Khan-Dossos und Viktoria Gragneva anlässlich der Erröffnung der Pool Paintings Part I in Swimming Pool, 2019
Еin Gespräch zusammen mit Navine G. Khan-Dossos und Viktoria Graganova anlässlich der Erröffnung der Pool Paintings Part I in Swimming Pool, 2019 | Foto: © Lyubov Cheresh

In Bulgarien und Europa angekommen, traf die Coronavirus-Pandemie unser Kulturprogramm hart und somit eine Reihe von Veranstaltungen, bei denen wir euch interessante Themen und Persönlichkeiten aus der Kunstwelt vorgestellt hätten. Selbst wenn das öffentliche Leben zurzeit stillgelegt ist, besteht immer noch die Möglichkeit, euch diese Personen vorzustellen​ und über Kunst zu reden. Hier werden wir euch mit den Kuratoren und Autoren bekanntmachen, mit denen wir momentan arbeiten – zurzeit nur online und hoffentlich in naher Zukunft live.

Mit der Kuratorin Viktoria Draganova reden wir über die Kunstszene in Frankfurt und welche die Herausforderungen für unabhängige Räume für Kunst und Kultur während der Krise sind.

Von Stefka Tsaneva

Unter normalen Umständen würden wir zu diesem Zeitpunkt schon unsere gemeinsame Ausstellung vorbereiten, die junge Künstler*innen aus Frankfurt vorstellt und die du kuratierst. Leider haben sich unsere Pläne geändert, aber dies hindert uns nicht daran das Thema ab jetzt vorzustellen. Du lebst und arbeitest seit Jahren zwischen Sofia und Frankfurt. Erzähl uns von der Kunstszene dort – wie unterscheidet (wenn dies überhaupt so ist) sie sich von der in anderen deutschen Städten?

Frankfurt und Sofia sind wie zwei Welten, wo ich seit Jahren gleichzeitig lebe und die in meiner kuratorischen Praxis als zwei entgegengesetzte Logiken erscheinen, aus deren Gegenüberstellung ich das Gespür dafür entwickele, was am Ende wirklich funktioniert. Während Sofia weiterhin emotional, verletzlich und politisch ist, ist Frankfurt zum gespenstischen Gesicht des globalen Kapitalismus geworden. Die spiegelglatten, undurchsichtigen Fassaden der Banken sind die des spekulativen Finanzapparats, der durch seine Algorithmen zunehmend unsere Vorstellungskraft verstellt, vor allem aber auch die Potentiale, andere Lebensformen zu entwickeln. Es wundert nicht, dass die Stadt einige der bundesweit stärksten Kunstinstitutionen wie das Museum MMK für Moderne Kunst, das Städel Museum, die Schirn Kunsthalle, das Museum für Angewandte Kunst und den Kunstverein Frankfurt beherbergt – sie allesamt sind von diesem Kapital finanziert, dem stehen sie aber auch kritisch gegenüber. In der Stadt befindet sich außerdem die Städelschule, eine der angesehensten Kunstschulen – aufgrund der Internationalität, der gattungsübergreifenden Ausbildung, der Verknüpfung mit Markt und Politik, der starken Affinität zu Theorie und Philosophie. Mit Blick auf die Öffentlichkeit gibt es in Frankfurt ein aktives Bürgertum, das zwar einen konservativen Kunstgeschmack hat, aber politisch liberal ist. In der Beziehung ist Frankfurt anderen mittelgroßen Städten wie Köln, Düsseldorf und Hamburg ähnlich, unterscheidet sich aber von Berlin, wo es progressive soziale Prozesse und Bewegungen gibt, die kollektiv sind sowie auf globale Themen Bezug nehmen.

Welche neuen Entdeckungen, ob von bestimmten Autoren, Trends oder Ideen, hat dir deine Projektarbeit gebracht?

Die anfängliche Aufgabe bestand darin, die junge Szene Frankfurts vorzustellen, was äußerst schwierig ist, da ein kleines Projekt die Vielfalt kaum repräsentieren kann. Stattdessen habe ich mich entschlossen, etwas zu erforschen, das ich an dem hybriden Lehrkonzept der Städelschule stets bemerkenswert fand: dort wird eher die Persönlichkeit gefördert als das Umsetzen dogmatischer Lehren. Zudem, anstatt technische Fertigkeiten zu trainieren, wird der Wissensaustausch untereinander gefördert – weshalb die Kantine seit Jahren das Herzstück der Schule ist. Daher habe ich die  Künstler*innen Kristina Lovaas, So Yeon Kim, Rudi Ninov und Min Ahn, die gerade an der Städelschule studieren, eingeladen, ein Projekt zu entwickeln, das einer Begegnung ähnelt, die mit verschiedenen Ideenschichten, Psychologie und Erwartungen aufgeladen ist. Meine kuratorische Praxis würde ich auch als solche beschreiben, die genau solche Begegnungen ermöglicht, bei denen Poetik und Resonanz, vor allem aber Sorge und Haltung zu selbst als auch anderen gegenüber – der Gruppe, der Institution oder dem Publikum – eine zentrale Rolle spielen. Diese Begegnungen, ob als Ausstellungen, kuratorische Bildungsprogramme oder institutionelle Netzwerke gedacht, lassen ein Kollektiv mit Körper, Träumen und Wirkung entstehen. Die Tatsache, dass das Projekt nicht jetzt, sondern erst später realisiert wird, ändert nichts am anfänglichen Impuls – dieses wird dadurch nur vielschichtiger und reicher an Geschichten.

 
Was sind oder können die Parallelen zwischen Frankfurt und Sofia in Bezug auf zeitgenössische Kunst sein?

Die Frage ist interessant, weil wir normalerweise darüber grübeln, was wir hier alles nicht haben verglichen zu was überall sonst existiert. Hierzu einige Ähnlichkeiten: Beide Städte liegen auf ihre Weise in der Peripherie – Frankfurt zu Berlin, Sofia zu Europa. Deshalb entstehen an beiden Orten Strukturen, die das Neue und Heterogene ersticken. In beiden Städten sind die Mieten teuer, sodass es Galerien und Ateliers schwer haben. Darüber hinaus ist die Galerien- und Sammlerszene in beiden Städten nicht offen und experimentell genug, um auf zeitgenössische Kunst zu setzen. In Bezug auf die Stärken möchte ich hinzufügen, dass Frankfurt über eine stabile öffentliche Finanzierung für Kultur verfügt, was die Stadt international wettbewerbsfähig macht. Sofia dagegen hat eine äußerst vielfältige und politisch engagierte Kunstszene und wenn sie strukturell ein wenig vom Staat unterstützt würde, könnte sie viele andere europäische Städte in Bezug auf Dynamik übertreffen. Im Übrigen, von Frankfurt könnten unsere öffentlichen Institutionen lernen, wie man Mittel beschafft, sich mit dem Publikum zuwendet und in Blockbuster wie auch in Ausstellungen mit komplexen Inhalten investiert – und vor allem, wie man die Gesellschaft aktiviert, damit sie ihre Institutionen in jeder Hinsicht wertschätzt und unterstützt.

 
Du hast bereits professionelle Kontakte zu wichtigen Institutionen wie dem Städel Museum und dem kuratorischen Programm der Goethe-Universität und der Städelschule geknüpft. Erzähl uns mehr über diese Erfahrung und Praktiken, die du in Bulgarien mit deinen Projekten, wie beispielsweise der Kuratorischen Schule des Swimming Pool, präsentieren und anwenden möchtest.
 
Du fragst mich nach den großen Institutionen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, aber tatsächlich haben mich stets die Mikroorganisationen angezogen - wegen ihrer Individualität, ihrer Emotionalität und Vorstellungskraft, und dem Risiko, das sie auf sich nehmen. Deshalb lerne ich meistens von Kollegen, die solche Organisationen voranbringen: zusammen sind wir wie ein „verliebter Tintenfisch“, wenn ich uns mit den Worten der Kuratorin Chus Martinez beschreiben darf – wir sind viele, unterschiedlich, aber zusammen. Im Bildungsprogramm von Swimming Pool geht’s auch darum - wir versuchen, Möglichkeiten für den Austausch zwischen solchen Organisationen und Kollektiven zu schaffen sowie die Infrastruktur zu stärken, sodass wir zusammen wachsen können, ohne unsere Nähe zu den verschiedenen Kontexten zu verlieren, in denen wir uns bewegen. Von den großen Institutionen lernt man vor allem, wie schwer das Überleben in einer mehr und mehr verwilderten und grenzenlos reichen Kunstwelt ist, beherrscht von Flip-Art-Investoren und Privatsammlungen mit völlig anderen Interessen als denen, die die Öffentlichkeit hat.
 
Du bist die Gründerin des unabhängigen Kunstraums und - organisation Swimming Pool und hast eine Reihe von Initiativen ergriffen, um diesen mit anderen ähnlichen Organisationen in ganz Europa zu teilen. Was sind die größten Herausforderungen für unabhängige Räume während der Krise? Gibt es interessante innovative digitale Projekte und Initiativen, die du als bewährte (es ist hier alles eher innovativ) Verfahren identifizieren würden?

Viele meiner Kollegen im unabhängigen Kultursektor mussten sich auf einmal mit dem Nötigsten befassen – wir haben uns zum Beispiel vereint und angefangen, vom Staat langfristige soziale und strukturelle Unterstützung zu fordern. Andere Kollegen in Europa nähen Masken, geben Konzerte vor den Häusern isolierter älterer Menschen, kuratieren Ausstellungen auf Balkonen, während sie sich gegen den Druck wehren, permanent produktiv zu sein und unentgeltliche Arbeit zu leisten, die sich nun in den digitalen Bereich verlagert hat. Ich muss zugeben, dass ich mich gerade sehr wenig für abstrakte Gedanken über die Ewigkeit der Kunst, die visionäre Rolle des Künstlers oder sonstige Idealzustände interessiere. All dies scheint mir im Moment ziemlich elitär und arrogant. Ich setze da an, wo es wirklich darum geht, das bestehende Paradigma umzukehren und echte Hilfe für Kollegen und Organisationen zu leisten.
 
Du bist auch eine der sehr aktiven Personen in der Debatte darüber, wie das bulgarische Kulturministerium die unabhängige Szene unterstützen kann und sollte. Was sind die notwendigen und wichtigen Maßnahmen, insbesondere wenn es um unabhängige Räume für Kunst und Kultur geht?
 
Was Vladiya Mihailova und ich als Vertreterinnen der Visual Arts Initiative, aber auch in einer erweiterten Zusammensetzung innerhalb der Arbeitsgruppen beim Kulturministerium diskutieren, ist die Entwicklung einer langfristigen Strukturförderung für den unabhängigen Kultursektor, der natürlich auch Kunsträume wie Swimming Pool umfasst. Aus mehreren Gründen ist eine solche Strukturförderung wichtig: damit wir stabiler, wettbewerbsfähiger und vielfältiger werden und gleichzeitig den Weg zu Monopolen, privaten Interessen im öffentlichen Bereich oder lediglich Massenkultur erfolgreich blockieren. Für mich persönlich ist es von grundlegender Bedeutung, über Netzwerk- und supranationale Themen nachzudenken. Aus diesem Grund spielen im Programm von Swimming Pool Kooperationen eine zentrale Rolle – zwischen Kollektiven und kleinen Organisationen, aber auch mit Institutionen europaweit. In den von uns initiierten Strukturen haben wir die Möglichkeit, eine aktive Gesellschaft zu kreieren, und zwar mit einem Verständnis für Differenzen – Kunst hat einen Sinn für Komplexität und Gegensätze, für unausgesprochene Sehnsüchte, nicht existierenden Sprachen und vergessenen Geschichten. Wir alle, die kleinen und großen Institutionen, müssen der Logik der Kunst folgen und radikal poetisch sein – indem wir auf Unterschiede setzen vor einem gemeinsamen Horizont der Sorge um die Gemeinschaft. Möge dies eine einheitliche Politik für alle Organisationen werden, seien diese Mikroprojekte oder kleine Organisationen, private Galerien oder öffentliche Museen, um ein gemeinsames Ökosystem zu schaffen. Es klingt idealistisch, aber das habe ich in Deutschland gelernt – es ist sinnvoll, idealistisch zu sein, um gemeinsame Horizonte zu bilden, gemeinsam zu träumen und gemeinsam politisch zu sein.
 

Viktoria Draganova ©    Viktoria Draganova
Viktoria Draganova
ist Kuratorin, Autorin und Dozentin. Sie lebt zwischen Frankfurt am Main und Sofia. Im Jahr 2014 gründete sie Swimming Pool, einen unabhängigen Kunstraum in Sofia, der sich auf künstlerische und kuratorische Forschung, kollaborative Ansätze, Kunsterziehung und Kunstpolitik konzentriert. Ihre persönliche Forschung befasst sich mit poetischen Institutionen, Politik der Wahrheit, dem Potenzial der Vorstellungskraft und dem Südosten. Viktoria hat mit dem Städel Museum und der Schirn Kunsthalle (Frankfurt am Main) sowie an gemeinsamen Projekten mit der David Dale Gallery, Glasgow und Art in General, New York gearbeitet. Als Autorin wissenschaftlicher Artikel, Essays für Kunstkataloge und Magazine wurden ihre Texte in Badland, Echo Gone Wrong, Flash Art International, Frieze, Mousse und SVEMA veröffentlicht. Viktoria ist ausgebildete Rechtsanwältin und promovierte in Rechtsgeschichte.​

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