This Side That Side
Die Wiedererzählung der Teilung

Auch mehr als sechzig Jahre Unabhängigkeit konnten dem Interesse für und der Beschäftigung mit der Teilung des indischen Subkontinents in erst zwei und dann drei souveräne, unabhängige Staaten keinen Abbruch tun. Die Erstellung von Landkarten, Abwanderungen, Erinnerungen und Neugier sind zu festen Bestandteilen im Leben von Bürgern auf allen Seiten dieser Staaten geworden.

Seit drei Generationen gilt die Teilung als der prägendste Moment der neueren Geschichte Südasiens. Sie ist ein Phänomen, welches Gelehrte, Künstler, Journalisten und Kommentatoren immer wieder beschäftigt und mit dem sie sich über wissenschaftliche Forschungen, Reportagen und, am wichtigsten, auf kreative Art über Kunst, Literatur und Filme auseinandersetzen. Die länderübergreifenden Vorgänge, wie z. B. grenzüberschreitende Migrationen, wurden im Laufe der Jahre nicht weniger. Denn die Generationen, welche die Teilung selbst nicht miterlebt haben, sind trotzdem mit ihr aufgewachsen. Diese anhaltende Beschäftigung mit der Geschichte findet ihren Ausdruck auch und scheinbar ohne Grenzen in der virtuellen Welt. Hier sind Etliche von uns zu Hause, und es ist interessant zu sehen, wie wir mit der anderen Seite interagieren, mit gleicher Leidenschaft, wenn nicht sogar mit mehr.

In diesem Zusammenhang erschien es uns wichtig, das kreative Engagement der jungen Generation des Subkontinents zu entdecken. Und zwar in Hinsicht auf dieses historische Ereignis und in Form einer grafischen Erzählung, in welcher mit den Möglichkeiten des visuellen Geschichtenerzählens experimentiert wird und diese gleichzeitig ausgeschöpft werden. Natürlich war uns bewusst, dass ein einziger Künstler allein die Geschichte der Teilung nicht umfassend erzählen kann. Geschweige denn all die Facetten von Erinnerungen, geschichtlichen Ereignissen und Folgen der Teilung darstellen kann. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, Künstler aus Indien, Bangladesch und Pakistan in das Projekt einzubeziehen. Wir wollten verschiedene Geschichten miteinander verweben, die die Teilung nicht nur aufgreifen und aufleben lassen, sondern sie in Comics oder grafischen Geschichten wiedererzählen.


Aufruf an den gesamten Subkontinent

Die Erstellung der Anthologie erfolgte in drei Schritten. Der erste war ein öffentlicher Aufruf zur Beteiligung am Projekt. Wir haben ihn per E-Mail auf dem gesamten Subkontinent verbreitet. Einige Antworten auf diesen Aufruf haben wir im vorliegenden Buch mitaufgenommen. Als nächstes gingen wir verschiedenen Geschichten nach, um zu sehen, wie man sie in Form einer grafischen Erzählung umsetzen konnte. Da wir für jede Form des Geschichtenerzählens offen waren, nicht nur für grafische Erzählungen oder Comics, war es wichtig, verschiedene Künstler unetrschiedlicher Herkunft zur Teilnahme zu ermutigen. Das Buch erscheint auf Englisch und enthält auch Übersetzungen von Originalwerken, die uns in Urdu, Bengali und Hindi vorlagen.
 
Als Kurator war ich mir der möglichen Themenvielfalt dieser Sammlung durchaus bewusst. Gleichzeitig war klar, dass wir unmöglich alle Geschichten in diesem einen Band erzählen konnten. Eine Anthologie wie diese kann zwar verschiedene Stile und Kunstformen vereinen, aber Auswahl und Zusammenstellung der Erzählungen sind eine enorme Herausforderung. Deshalb war es wichtig, die Autoren und Künstler/Illustratoren sorgfältig auszuwählen und zusammenzubringen, um eine fruchtbare Zusammenarbeit zu garantieren. Aufgrund meines persönlichen Interesses an länderübergreifender Zusammenarbeit war diese Phase besonders interessant für mich: zu sehen, wie sich die Gespräche entwickeln, vor allem wenn man bedenkt, dass sich die Autoren und Künstler noch nie zuvor gesehen bzw. von der Arbeit des anderen gehört hatten. Eine der großartigsten Erfahrungen war, zu sehen, wie sich ihre Geschichten zu einer gemeinsamen, druckfertigen Erzählung entwickelten und dabei den Stil des einzelnen Künstlers zu bewahren.
 
Dieses Mammutprojekt wäre ohne die tatkräftige Unterstützung von Farah Batool und Robin Mallick vom Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan in Delhi sowie Arpita Das, der Herausgeberin von Yoda Press nicht möglich gewesen. Sie entwarfen das Projekt und unterstützten es während des gesamten Prozesses. Ihr leidenschaftliches Engagement für das Thema Teilung inspirierte mich sehr. Mein Dank geht auch an Nishtha Vadehra, die endlose Stunden mit der Bearbeitung des Bands zugebracht hat und die dem Buch mit ihrem Kennerblick den letzten Schliff gab. Ich bin ihnen sowie allen Mitwirkenden an diesem Band zu großem Dank verpflichtet.
 
This Side, That Side beinhaltet 28 Erzählungen von 46 Teilnehmern des gesamten Subkontinents. Diese Anthologie erhebt nicht den Anspruch, das abschließende Wort zum Thema Partition zu haben. Vielmehr hoffen wir, damit einmal mehr den Dialog über Grenzen hinweg anzustoßen.